Über

Gregor Bohnensack

Mich interessieren in der Kunst Prozesse, nicht Ergebnisse. Ich mache in folgenden Gruppen Musik:  

Wuppertaler Improvisations Orchester, FREEZZE (Münster)  und         Partikelgestöber (Münster).

 

Lebenslauf:

1957: in  Hamm  geboren 

1980 -83: Studium der Sozialpädagogik in Münster mit dem Schwerpunkt Ästhetik und Kommunikation, vor allem Theaterpädagogik

1983-84: Anerkennungsjahr bei der Stadt Münster (Jugendarbeit)

1987-89: Projektarbeit  bei der Kulturkooperative Münster e.V.: „Förderung und Entwicklung von Eigeninitiative   bei Arbeitslosen durch  Kulturarbeit“

Seit 1990: freiberufliche Tätigkeit als Schauspieler und Rezitator, u.a. beim Transittheater

1994-98: Fortsetzung der Theaterarbeit

Ab 1999: Aufführungen, Lesungen und MusikPerformances (u.a. seit 2013 beim Wuppertaler Improvisations Orchester)                                                                   

 

Ab 2003: Kursleiter für Kreatives Schreiben an Volkshochschulen (Münster, Hamm und Osnabrück) und konfessionellen Trägern  (u. a. Kath. Bildungswerk Mülheim an der Ruhr)                                                                         

Ab 2011: Kursleiter „Lesen und Schreiben“ (auch mit elektronischen Medien) für Menschen mit Handicaps 

 

<aktiv.

 

 

 

Alter: 60
 


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Blog

Herz der Dinge - Kunst gemeinsam erfahren!

Eine teilnehmende Beobachtung von Gregor Bohnensack - Schlößer

Samstag, der 20. Februar 2016: Beginn des Workshops mit dem Titel „Häng‘  doch Dein Herz mal an Dinge!“. Die kolumbianische Künstlerin Maria José Arjona, die biografische Aspekte in ihre Arbeit einbezieht, wird durch die Kursleiter Birgit Kannengießer und Christoph Peter Seidel vorgestellt. Im Raum der Kunsthalle Osnabrück, die die Veranstaltung gemeinsam mit der VHS Osnabrück durchführt, riecht es noch nach Tabak. Es heißt, die Künstlerin habe am Vortag Zigarre rauchend eine Performance gemacht.

Die Frage entsteht, was ist eine Performance? Was unterscheidet eine Performance-Aktion von Theater?

Zwölf Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen sind zusammengekommen. Eine Assistentin versucht, Gebärden zu finden, damit die Teilnehmenden mit Höreinschränkungen mitwirken können. Von Inklusion ist die Rede. Es gilt den Anspruch einzulösen, dass Menschen mit Komplexer Behinderung nicht nur einen „Pflege-und Unterstützungsbedarf“, sondern auch einen „Bildungsanspruch“ und einen „Lernwillen“ (Barbara Fornefeld, 2010, S. 278) haben.

Die Zeichnungen der kolumbianischen Künstlerin fallen ins Auge. Sie hängen an Sperrholztafeln. Die Skizzen sind zum Greifen nahe: darunter Vögel, Zugvögel. Die übliche Museumsdistanz wird infrage gestellt. Zugvögel spielen im Werk der Künstlerin eine große Rolle. Auch darüber entsteht ein Gespräch. Das Flüchtige wird spürbar. Die Frau aus dem fernen Land, die hier gestaltet, ist eine Reisende. Auch die Teilnehmenden werden sich nur für ein Wochenende begegnen und sich dann voraussichtlich nicht mehr wiedersehen.

Wir befinden uns im Arbeitsraum der Künstlerin: ihre Materialien - Stifte, Papiere, Skizzen -  sind ausgebreitet.  Das Offene, das Prozesshafte wird deutlich. Die Teilnehmenden stellen sich vor. Fragmente von Biografien blitzen auf. Verzögerungen treten ein, müssen hingenommen werden. Einige werden zum ersten Mal mit Gebärdensprache konfrontiert. Für zwei Tage werden Hörende und Nichthörende, Schnell- und Langsamsprecher zusammen arbeiten.

Jeder sollte einen - 'seinen' - Gegenstand mitbringen. Nicht alle haben etwas mit. Die Kursleiter haben noch Dinge 'in Reserve'. Wer nichts hat, sucht sich jetzt etwas aus. Ein Teilnehmer wählt einen Hahn aus Holz. Er gebärdet, seine Assistentin übersetzt: Der Mann hat als Kind auf einem Bauernhof gelebt. Konturen seiner frühen Jahre werden sichtbar.

Zwei Teddybären wurden von sehr unterschiedlichen Teilnehmern mitgebracht. Wieder sind Lebensgeschichten Thema:  Gefühle, die über ein Stofftier ausgedrückt werden können. Die Frage nach Beeinträchtigung rückt in den Hintergrund.

Eine andere Teilnehmerin spricht von ihren Kindern. Sie hat ein gerahmtes Foto ihrer Söhne dabei. Ganz fest hält sie es. Jetzt sitzt sie im Rollstuhl. Aber ihre Kinder kann ihr niemand mehr nehmen. Sie ist eine stolze Mutter.

Die Gegenstände werden auf großes weißes Papier gelegt, das auf dem Boden liegt. Das Ganze wirkt wie ein gedeckter Tisch. Umrisszeichnungen entstehen. Farben werden zu Papier gebracht. Die Gegenstände kommen in Fahrt, werden immer neu ausgerichtet. Ein Teilnehmer, der einen Rollator benötigt, wird plötzlich sehr aktiv. Er ist taubstumm und bewegt sich und die Dinge  lautstark aber ohne Worte.

Die Dinge, so scheint es,  beginnen zu tanzen. Eine Trompete wird hin- und hergeschoben - plötzlich sind alle Bläser. Positionen verändern sich. Inklusion, so hat es den  Eindruck, hat etwas mit Bewegung zutun – auch mit Beobachtung und Resonanz. 

Resonanz - inzwischen gibt es den Begriff 'Resonanzpädagogik' - die Formulierung wurde von Hartmut Rosa und Wolfgang Endres geprägt. Über Resonanz schreiben die Autoren: "Kompetenz und Resonanz sind zwei ganz verschiedene Dinge. Kompetenz bedeutet das sichere Beherrschen einer Technik, das jederzeit Verfügen-Können über etwas, das ich mir als Besitz angeeignet habe. Resonanz hingegen meint das prozesshafte In-Beziehung-Treten mit einer Sache..." (S. 7). Der behinderte Mensch ist oft kein 'Besitzender'. Das kommt auch in der umgangssprachlichen Formulierung 'er ist nicht im Vollbesitz  seiner (geistigen) Kräfte' zum Ausdruck. Aber möglicherweise ist diese Besitzlosigkeit auch ein Merkmal seiner Qualität. Vielleicht kann inklusives Kunstschaffen eine Spielart der Resonanzpädagogik sein.

Ein Botschafter der Inklusion mit Down Syndrom bearbeitet das Papier mit höchster Konzentration. Regelmäßig nimmt der junge Mann in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung am Kunstangebot teil. Mit seiner Arbeit beeindruckt er jetzt die Fachbereichsleiterin der Volkshochschule, die den Workshop mitorganisiert und die Kursleiter zusammengebracht hat. Inklusion hat etwas mit staunen zu tun, mit überraschenden Ereignissen. So entsteht über die ‚Dinge‘ ein Gesamtkunstwerk – ein Gewebe von Menschenhand.

"Wir werden Freunde - für eine gewisse Zeit", erklärt eine Teilnehmerin mit sogenannten ‚Lernschwierigkeiten‘.

Sonntag, der 21. Februar 2016: Fortsetzung des Workshops mit Raumwechsel. Schaukeln am Sonntagmorgen. Im Kirchraum, der jetzt Kunsthalle ist, wurde eine Schaukel angebracht. Kirchenschaukeln, könnte man sagen.

Wir sind überrascht. Wir merken, der Kunstraum bringt uns näher. An der Schaukel begegnen sich Menschen mit und ohne Behinderung. Kursteilnehmer und Kunsthallenbesucher begegnen sich. Platz nehmen und in Schwingung kommen ist angesagt. Früher war hier um diese Zeit Gottesdienst. Jetzt sind die ‚Dinge‘ im Fluss. Ob das Kunst ist?

BesucherInnen des Museums  beobachten das Treiben. Die Akteure aus dem Workshop wurden von den Außenstehenden als zusammengehörende Gruppe wahrgenommen. Frage: "Wie kommt ihr zusammen?"

Später ziehen die Teilnehmenden wie eine Karawane durch den Ausstellungsraum. Es entsteht eine rhythmische Bewegung in dem großen Raum, der nicht bestuhlt ist. Alle - auch die Rollstuhlfahrerin - erfahren den Raum auf ihre Weise. Weite entsteht.

"In ihren Werken, in ihrer künstlerischen Darstellung sprechen geistig behinderte Menschen für sich selbst. Hier überzeugt die Ausdruckskraft der Werke, die Anerkennung und Bewunderung verdienen. Kunst kann Brücken schlagen zu anderen Menschen, indem sie Einblick in andere Erlebnis- und Sehweisen ermöglicht, Unverständliches verständlicher macht und Gemeinsamkeiten herausarbeitet und nicht zuletzt, indem sie Leistungen zeigt", heißt es in "Kunst und Kreativität geistig behinderter Menschen" (S. 15). Das Seminar in der Kunsthalle Osnabrück konnte diesem Anspruch durchaus genügen.

 

Verwendete Literatur:

1. Barbara Fornefeld, Bildungsanspruch für Menschen mit Komplexen Behinderungen in: Oliver Musenberg u. Judith Riegert (Hgg.), Bildung und geistige Behinderung, Oberhausen, 2010

2. Hartmut Rosa, Wolfgang Endres, Resonanz Pädagogik - Wenn es im Klassenzimmer knistert, Weinheim und Basel, 2016  

3. Projektgruppe "Kunst und Kreativität geistig behinderter Menschen" der Bundesvereinigung der Lebenshilfe für Menschen mit geistigen Behinderungen, Marburg, 2002 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

30.8.16 13:48, kommentieren

AUS DEN TAGEBÜCHERN - März 2015

 SCHREIBGRUPPE

 

Eine  Schreibgruppe, die sich im Speicher, dem Atelier des  Künstlers T. S., trifft. Tennessee Williams Stück über den Regen ist das Thema. Sein Text aus der Metropole New York inspiriert die Schreibenden. "Ausgebrannte Gesichter" - sieht der amerikanische Dichter.

 

ÜBER RUTH KLÜGER

Zurückkommen -  nicht wie ein Fußballer nach einem Rückstand, sondern Zurückkommen nach einer wirklichen Verletzung.  

Nach eine Deportation.

Nach einer Deformation.

Nach dem Todesmarsch, den man überlebt hat.

Aus New York zurückkommen und deutsch sprechen. Befreit, aber nicht frei. Das Deutsche ist ein Gespenst, von dem man nicht loskommt.

 

ALLES ABSTREIFEN

für Anne Sexton 

Wir sind im Walde. Der Platz zum Übernachten ist gefunden. Die Männer bauen das Zelt auf. Ich schaue zu. Ich lasse sie arbeiten. Frauen haben andere Aufgaben. Wir schweigen. Ich beobachte. Ich trage einen Wildlederrock. Ich denke an Lederstrumpf. Ich bin ungeschminkt. Die Männer schwitzen. Es ist immer noch heiß. Ein schwüler Tag im August. Ich atme. Sie sind immer noch mit dem Zelt zugange. Ich bin leer. Gedankenlos. Eine nicht mehr ganz junge Frau. Ich lege ein freches Grinsen auf. Mutter ist tot. Ich habe ihren Wildlederrock geerbt. Mutter war immer so brav. Ich nehme kleine Verhütungsmittel. Verhütungsmittel sind etwas für junge Mädchen. Das Zelt steht jetzt. Ich krieche hinein. Streife alles ab.

 

SCHREIBEN IN CAFES

Natalie Goldberg, Seite 22 kopieren, Anweisung vom 13. 3. 2015.

 

ÜBER DEN PROZESS

Eine Teilnehmerin im Kurs 'Kreatives Schreiben' in OS geht - sie fühlt sich krank. Mit einem Text über einen Wildlederrock kann man nichts verhindern.

 

KONZERT MIT RADIOLUX

Materialien: Die blaue Posaune - der gelbe Schlauch - die weißen Tischtennisbälle (langes Wort für die kleinen Gegenstände) - Visualisierungen mit I. - Saxophon spielt F. - an der Elektronik M. - Handschuh wie ein Arzt - ein blasender Arzt - Thomas Kling hören - Thomas Kling, der schon Tod ist - Schreibbereitschaft dieses Dichters noch immer - Düsseldorf - Schwarze Trompete - Wachholdergestreuch - der Kork schwimmt auf den Wasser - der Kork muss ins Maul - Kling hören, seine Tintentexte hören und dabei schreiben - Tierfilmhörmensch - wahrnehmen, die Bilder wahrnehmen - aufgetrennter Hund - Horn blasen - treiben lassen, Töne traben lassen, pusten, auspusten - Gesang - Alpenzeitlose - der Mund muss arbeiten - bei Kling im Mundraum - ausschmelzen - die schwarze Trompete schmelzen lassen... Maulsperre - nicht zu viel machen.

 

 https://www.youtube.com/results?search_query=radiolux+mit+bohnensack

 

RASEREI

Sich nicht mäßigen, in Manhattan "Wolf am schlagenden Herzen sein" sagt Sexton. Ungerecht sein. Sich was zurufen. Ungerecht sein. Verschlagen sein. Litanei der Lüsternheit.  Überlagerungen. Soundtrack mit Organbank. Schreib es mit der Zunge nieder. Jede Wort ein AusSatz. Die Zunge schnell wie ein Raubtier.

Anne Sexton. 1928 geboren. Gestorben von eigener Hand, wie man sagt . In der Garage, die abgase eingeatmet. Amerikanisch beendet. Steinbrei, sagt Kling. Es läuft noch. Die Konserve läuft noch. Zum Schluss der Zyklus 'Der 1. Weltkrieg'. Südfrüchte kamen kaum vor.

 

ICH - EIN FUCHS

Ich im Bau. Ein beamteter Fuchs. Ich war der Fuchs, der die Früchte verwaltet. Nach den Listen. Nach den Zuteilungen. Nahrungsmitteln auf Karten. Rationen. Selfies. Fotos wie ich den Staat verwaltete. Im Amt. Hinter mir Gauck. Unser Bürgerpräsident. Ich gebe der Mutter von drei Kindern die Johannisbeeren. Alles im Traum. Es geht nach Leistung und nicht nach Herztönen. Wir Füchse, ich bekenne es gern, wir Füchse leben nicht in den Tag hinein. Wir ordnen die Welt. Wir führen die Listen. Wir sind schlau wie die Säue. Trommelschlag. Wir sind strenger als Granit. Im Bau lesen wir Kafka. Kafka machen wir zum Gesetz. Es gibt keine Verbündeten, für niemanden. Die Frau mit den drei Kindern hat keine Lust mehr. Wir haben sie abgerichtet. Ohne Peitsche. Allein mit der Aktentasche - auch aus Leder. Wintereinbruch. Rentenversicherung. Bausparkasse. Wir drehen der alkoholkranken Frau jetzt die Verträge an. Die Versicherungsverträge. Nichts soll knirschen im Bau.

 

BISSENDORF

Eis essen in Bissendorf. Lesen aus einem Buch. Ein Roman. Aus dem Verschlag für abgelegte Literatur. Du kannst dir, mitten im Dorf - ohne etwas zu bezahlen - ein Buch mitnehmen. Ein schmuckloses Häuschen haben sie seitens der Gemeindevorstehung (das Wort meint ausdrücklich Frau und Mann) bauen lassen. Ein Wartestand für BUCHweizen. Man geht in Bissendorf mit dem Eis und dem bedruckten Papier zur Bushaltestelle. Die Linie verspätet sich. Habe im Buch über Mütter und Söhne lesen. Dabei an Früher denken, als die Mutter im Dorf noch Bissen kochte.

 

AUFGESCHLAGEN

Ich bin aufgeschlagen. Das Junghirn spritzte nur so. Ich war ja noch Kindergartenzögling. Das Hirn verteilte sich aus der roten Asche. Hab alles schön eingesammelt und die Asche gereinigt. Es war Gemeindeasche. Du sollst vor dem Besitz der Gemeinde eine Achtung haben. Es war ein kath. Kindergarten. Dann haben wir gebastelt. Ich hab einen Vogel aus dem Papier geschnitten, bis die Schere geblutet hat.

Ich habe später auch Zeugnisse bekommen. Mit knochentrockenem Lehm, malte ich die Buchstaben N,O, und T auf den Asphalt. Mutter kam mir schon entgegen: nervös, laut und geil auf ein Stück Papier, das eigentlich nur mir galt. Ich war sprachlos, gefangen in nackter Angst.

 

UNSICHERHEITSFAKTOREN

Der alte Mann schreibt noch. Die Frau ist tot. Er hat sie begraben. Der Grabstein lässt auf sich warten. Er schreibt ins Heft: "Ich möchte durch Schreiben, Unsicherheit überwinden. Ob das geht?" Manchmal besucht ihn eine Praktikantin aus der Sozialstation. Sie ist sehr hübsch. Manchmal trägt sie einen kurzen Rock. Das macht aber nichts, denn der Alte sitzt im Rollstuhl. Er wird rot, wenn sie erscheint. Er hat seine Gedanken nicht im Griff. Und sie lacht.

 

PFINGSTEN

Kein Hymnus. Keine Aufbruch. Schreiben. Textverarbeitung. Versuch des aufrechten Gangs, während A. danieder liegt. Versuch, die Dinge anzunehmen, die ein Arbeitgeber verlangt.

 

 

  


 

 

 

 

  

 

  

 

 

 

 

13.11.15 21:36, kommentieren

PARIS, NACH DEN SCHÜSSEN

 

"Auf jeder französischen Schulfassade steht dieselbe stolze Maxime "Liberté, Egalité, Fraternité" (Süddeutsche Zeitung unter dem Titel: 'Wie noch das ABC schützen vor solchen ABC-Schützen?' vom 4. März 2015). Jetzt, nach den Schüssen von Paris, möchte jedes Feuilleton maximale Aufklärungsarbeit leisten. Könnte es sein, dass die oben zitierten Begriffe Frankreich nur unzureichend erklären? Ich erinnere mich an meine Schulzeit zu Beginn der neunzehnhundertsiebziger Jahre: Ein Relief mit den Umrissen Frankreichs wurde aus Steropor erschaffen und die oben zitierten Begriffe, aus den Zeiten der französischen Revolution, mussten von westfälischen Schülermündern eingeübt werden. Ich möchte Ereignisse (den französischen Kolonialismus mit seiner Sklavenhaltung) und zwei Menschen, die mir wie Geistesblitze, erscheinen - Jean Genet und Simone Weil - mit den Ereignisse von 1789 in Verbindung bringen.

 

Gleichheit

Sklavenhaltung: Nichts widerspricht der gängigen Vorstellung von einem humanen und fortschrittlichen Frankreich mehr, als die Berichte über Sklaverei. Isabelle Aguet zitiert einen französischen Marineoffizier, der in sein Bordbuch schreibt: "Gestern um 8 Uhr banden wir die Neger, die die meiste Schuld trugen, an allen vier Gliedern bäuchlings auf Deck fest und ließen sie auspeitschen. Dann prügelten wir ihre Gesäße, um ihnen ihre Vergehen recht fühlbar zu machen. Nachdem ihre Hintern blutig geschlagen waren, streuten wir Schießpulver in ihre Wunden, träufelten eine Mischung aus Zitronensaft, Salzlake und gestoßenem Pfeffer hinein und kneteten ihre Hinterbacken tüchtig durch, damit kein Wundbrand entstünde, aber auch der Schmerz umso empfindlicher sei... Den Anführer haben wir in Eisen gelegt und mit Handschellen gefesselt. So mag er dann verschmachten und sterben" (Der Sklavenhandel, Bilder und Dokumente, 1971, Seite 71). An anderer Stelle schreibt die Autorin: "Wenn England in diesem wilden Wettlauf (dem Sklavenhandel, G. B.)  an der Spitze lag und in einem einzigen Jahr (1786) bis zu 38.000 Sklaven einführte, so lag Frankreich immer auf dem zweiten Platz und stellte gewissermaßen das Gleichgewicht wieder her, dass es dieses Rennen länger betrieb" (Seite 11). Über der französischen Kolonialzeit liegt der Mantels Schweigens. Isabel Aguet ist eine Schweizer Journalistin. Für die meisten deutsche Autoren  der Gegenwart sind die im Namen Frankreichs begangenen Verbrechen ein Tabu. 

 

Freiheit

Jugendstrafen: Der 1910 in Paris geborene Jean Genet ist ein von Jugend an Bestrafter. Seine Mutter starb als er 9 Jahre alt war. Der Zögling wird straffällig, kommt in das Besserungslager Mettray. George Bataille bezeichnet Mettray als "Hölle" (zitiert nach George Bataille, Die Literatur und das Böse, herausgegeben von Gert Bergfleth, 1987, Seite 171). Für deklassierte Jugendliche wie Genet ist die 'Grande Nation' die Hölle. Genet bestielt aus Hilflosigkeit seine Pflegeeltern. Er flüchtet sich in Militär, aber der Drill rettet ihn nicht. Der Heimatlose vagabundiert durch halb Europa und verdingt sich als Prostituierter. Dann schreibt er. Unter anderem Das Wunder der Rose . Der Ausgestoßene beschreibt die Gefängnisse und ihre Insassen: "Seines heiligen Ornats entkleidet, sehe ich das Gefängnis nackt, und seine Nacktheit ist grausam. Die Häftlinge sind nichts als arme Schlucker, die Zähne vom Skorbut zerfressen, von Krankheit gebeugt, spuckend, speiend, hustend. sie gehen in riesigen, schweren, klapprigen Holzschuhen vom Schlafsaal in die Werkstatt, sie schleppen sich in Tuchpantoffeln, die steif sind von Dreck, gemischt aus Staub und Schweiß. Sie stinken (Bergfleth).  Er, Genet, gehört zu den wenigen 'Fürsorgekindern' seiner Gemeinde, die "überhaupt einen Schulabschluss vorweisen können" (Wikipedia). Er, Genet, ist das öffentliche Kind, das zu einer Stimme Frankreichs wird. Er, Genet, war, wie der Verfasser dieses Textes, Obergefreiter eines Pionierregiments. Genet setzte sich für die Schwarzen ein und wandte sich gegen die "israelische Landnahme" (Wikipedia) in Palästina. Der Mann, der als Kind in Holzpantinen ging, und immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt kam, auch er verkörpert das freiheitliche Frankreich.

 

Brüderlichkeit  

Eine Frau als Bruder: Simone Weil. Sie wurde 1909 in Paris geboren. Sie war die Tochter eines Mediziners, Bernard Weil. Die Weils waren assimilierte Juden. Die Bahnen, in denen sich das Mädchen Simone bewegt, dürfen als geordnet bezeichnet werden. Aber die Weil wird eine Querdenkerin: "Sie empörte sich über Geld als Ursache für soziale Ungleichheit, über Kapital und die Gier nach mehr und mehr materiellen Gütern" (Frederik Hetmann, Drei Frauen zum Beispiel - Die Lebensgeschichte der Simone Weil, Isabel Burton und Karoline von Gründerrode, 1980,  S. 9). Die junge Frau kritisiert das französische Bildungswesen: "Bildung ist ein Werkzeug in der Hand von Professoren zur Erzeugung von Professoren, die ihrerseits Professoren erzeugen" (zitiert nach Hetmann S. 18).  Weil wendet sich den Arbeitern zu. Sie hat den Mut, ihren Verstand für die Rechte der Entrechteten zu gebrauchen.  Die Asketin geht in die Fabriken und berichtet, wie später Günther Wallraff, von der Bandarbeit. Hetmann zitiert aus ihrem Fabriktagebuch:

"Arbeit. Jetzt stehe ich an der Maschine. Fünfzig Stück abzählen... sie nacheinander auf die Maschine legen, auf die eine Seite,  nicht auf die andere... jedesmal einen Hebel bedienen... das Stück herausnehmen... ein anderes hineinlegen... noch ein anderes... wieder zählen... ich bin nicht schnell genug."

Weil schreibt wie im Rhythmus der Maschine. Der Takt geht in Text in Text ein. Keine Brüderlichkeit mehr. Der Mensch hetzt den Menschen. An Bänder ersterben die Ideale der französischen Revolution. Was bleibt, ist Hunger. 

"Hunger. Verdient man 3 Francs pro Stunde oder gar 4 Francs, dann genügen irgendein Unglück, eine Arbeitsunterbrechung, eine Verletzung, um eine Woche oder länger arbeiten zu müssen. Keine Unterernährung, sondern wirklich Hunger. Mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden ist Hunger ein wirklich qualvoller Zustand."

Heute wird der französische Arbeiter nicht mehr in Francs bezahlt. Er bekommt den Euro. Verortet im globalen Kapitalismus kämpft er um Arbeit, denn die "Bänder", von denen Weil spricht, sind nach Asien verlagert. In Vorstädten von Paris suchen die deklassierten nach Billignahrung in den Discountern - Freiheit sieht anders aus. Geblieben ist die Furcht:

"Furcht. Selten sind die Augenblicke im Laufe eines Tages, da das Herz nicht von Furcht geplagt ist. Am Morgen die Furcht vor dem ganzen Tag, den es zu überleben gilt. In der Metro unterwegs nach Billancourt gegen 6.30 Uhr früh steht auf den meisten Gesichtern die Spannung dieser Furcht."

Auch die  französische Klassengesellschaft produziert bei den Massen, die Angst nicht mithalten zu können. Man fühlt sich der Stechuhr ausgeliefert. Frankreich, so erklärt uns Simone Weil, ist nicht brüderlich. Weil, diese unglückliche Gottsucherin, sieht sich selbst in der Tradition Sklaverei. Mit ihren Aufzeichnungen wischt sie die Ideologie von der 'geglückten' Befreiung  fort. Ihr Unglück ist kein Einzelschicksal. Es ist das Unglück der Massen. Es ist, als habe es die französische Revolution nie gegeben. Weil zeigt, wie die Fabrikarbeit einen großen  Teil der Menschen unfrei macht. Über ihr Arbeiterinnendasein schreibt sie: "Was ich dort durchgemacht habe, hat mich... unauslöschlich gezeichnet... Dort ist mir für immer der Stempel der Sklaverei aufgeprägt worden, gleich jenem Schandmal, das die Römer den verachtetsten ihrer Sklaven mit glühendem Eisen in die Stirn brannten. Seither habe ich mich immer als einen Sklaven betrachtet" (zitiert nach Ingeborg Bachmann: Das Unglück und die Gottesliebe - Der Weg Simone Weils, in: Vor den Linien der Wirklichkeit, München 1978). Nach den Schüssen von Paris, tauchen die Sklaven und ihre Wiedergänger in den französischen Vorstädten, als Angstbilder der Bürger, wieder auf.

 

 

 

  

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

19.6.15 23:21, kommentieren

DER AUSSTELLUNGSMACHER

 

1. Das Leben als Reise

 

In der Kindheit der Transport. Dezember 1938: Die gewaltsame Verschleppung, Trennung von den Eltern durch die Nazis. Die Kleinkinder Eva und Helen Hesse müssen Deutschland allein verlassen. Er raucht. Der Ausstellungsmacher ist Kettenraucher. Die Mädchen kommen auf den 'Kindertransport'. Später veräußern die Eltern ihren Besitz und dürfen Deutschland ebenfalls verlassen. Der Weg der nun mittellosen Familie geht nach Amerika. New York wird für Familie zum Symbol für Freiheit. Der Vater klebt das Bildnis des Schiffs, das sie in den fremden Kontinent bringt, ins Familienalbum. Aber die Mutter kommt nicht wirklich in den USA an: Die Depression ist übermächtig. Noch nicht vierzig Jahre alt, stürzt sie sich von einem Hochhaus. Es ist ein öffentlicher Tod, die Zeitungen berichten darüber. Die Töchter sind schockiert.

Der Ausstellungsmacher weiß, dass er zu viel raucht. Seine  Gedanken  kreisen um die Vita der Familie Hesse. Vater führt das Tagebuch der Familie. Er macht, was gemeinhin als Aufgabe der Mutter angesehen wird. Der Rechtsanwalt wird zum Buchgestalter. Er gibt der Familie eine Kontur, Deutsches vermischt sich mit Englischem. Hebräische Schriftzeichen verweisen auf eine ganz andere Welt. 'Unser Heim', titelt der Vater. Dort zeigt er sein Herrenzimmer. Aber das bürgerliche Heim mit ihren deutschen Stuben ist zerbrochen. Beim Ausstellungsmacher war  in der Kindheit alles geordnet; das Haus und der Garten mit den Sitzecken.  Alles gut bestückt. Auch bei ihnen existierte ein Herrenzimmer. Am Sonntag aß man im Sommer Erdbeerkuchen mit Sahne. Die Früchte kamen aus dem eigenen Garten. Zum Rauchen ging der Ausstellungsmacher aufs Feld. Eva Hesse wird das Herrenzimmer nicht rekonstruieren. Das Leben der Künstlerin wird, in Amerika und Deutschland, eine Loft-Existenz. Aber: Ein Loft ist kein Heim. Ein Loft ist eine verlassene  Produktionsstätte. Die Aura von Technik und Maschine haftet ihm an. Anders als im bildungsbürgerlichen Heim, erwartet man in einem Loft kein Klavier. Im Elternhaus des Ausstellungsmachers wurde Bach gespielt. Bach zu vier Händen. Einen Ahnenpass hatten sie auch.  Die Zigarette geht ihm nicht aus. Er raucht American Spirit. Einem Loft haftet man nicht an. Ein Loft nutzt man nach Kriterien der Vernünftigkeit. Die  Hesse war eine sehr vernünftige Frau, denkt der Ausstellungsmacher. Als  Hesse mit Tom Doyle, ihrem Mann, nach Kettwig bei Essen kam, sprach kaum jemand in Deutschland von einem 'Loft'. Eher redete man von stillgelegten Fabriken. Für die  Hesse ging es jedoch im Ruhrgebiet nicht still zu. Das Ehepaar war oft auf Reisen. In Kettwig hatte das amerikanische Künstlerpaar eine halbwegs sichere Existenz. Der Ausstellungsmacher ist im Moment arbeitslos. Er sitzt im Flur des Job-Centers  in Essen und hat die Nummer 43 gezogen. Er hat Zeit. Er liest in der Biografie von Michael Jürgs über Eva Hesse. Nach Jürgs waren die Bedingungen für die Künstler sogar vertraglich abgesichert. Wilhelm Hesse, der Jurist, schreibt der  Journalist, habe die Vereinbarungen verfasst. Der Ausstellungsmacher betrachtet im Tagebuch von Vater Hesse wieder die Fotografien vom  Herrenzimmer. Ja, Wilhelm Hesse war ein angesehener Mann in Hamburg. Er war ein Herr. In Amerika wird er kein Herr mehr sein, sondern ein Versicherungsvertreter oder wie man auch sagt, ein Reisender. Aber in Hamburg hatte er ein Herrenzimmer - konnte er am Schreibtisch residieren. In den Staaten musste er sich durchschlagen. Er machte das auf großartige Weise. 1966 fuhr er noch einmal nach Europa. "Er stirbt beim Kartenspiel", schreibt Jürgs. Der Reisende stirbt im Zwischenraum Schweiz. Er, dem das Judentum durchaus wichtig ist, geht nicht nach Israel. Wie Hannah Arendt, die auch jüdische Emigrantin ist, lebt er in den USA und reist in das Alpenland, in jene Idylle, wo man deutsch spricht ohne deutsch zu sein. Die Schweiz besucht auch der Philosoph Theodor Adorno 1969. Auch er kennt die Härte des Emigrantenschicksals. Adorno  aber ist aus den USA nach Deutschland zurückgekehrt und Hochschullehrer geworden. Aus Frankfurt am Main kommend und den Lärm der studentischen Revolte noch im Ohr, sucht er in den Bergen Ruhe und findet den Tod. Für Hesse kommt der Tote im Sarg 1966 aus einem fremden Land. Im August stirbt ihr Vater; im Januar hat sie sich von Doyle getrennt. Ins Tagebuch schreibt sie: "My daddy is gone." Auch der Ausstellungsmacher schreibt Tagebuch. 

 

2. Mit der Kunst überleben

 

Der Ausstellungsmacher stößt auf ein Interview, dass die Hesse kurz vor ihrem eigenen Tod der Journalistin Cindy Nemser  gegeben hat.  Sie sagte: "Mein Vater war fünfzehn Jahre lang krank. Er starb drei Tage nach seinem 65. Geburtstag, doch er war 15 Jahre lang krank... Er hatte seinen ersten Anfall, als ich dreizehn Jahre alt war, eine schlimme Herzattacke... Er liebte mich auf eine Weise, die schon fast inzestuöse Züge trug. Ich bekam ziemliche Schwierigkeiten mit Männern, weil mein Vater und ich uns so nah waren, aber ganz im Stillen. Darüber hat man nicht gesprochen, weil er dauernd krank war und Lähmungserscheinungen hatte und an der Wirbelsäule operiert werden musste, und dann war da noch die Gefahr einer weiteren Herzattacke." In einem Herrenzimmer sitzen und rauchen, denkt der Ausstellungsmacher. 

Im Angesicht des eigenen Todes, gibt es für Hesse keinen Grund mehr, das Leben des Vaters zu beschönigen. Die Gewalt der Vertreibung schlägt sich körperlich nieder. Die demütigende Erfahrung der totalen Hilflosigkeit gegenüber der faschistischen Gewalt frisst sich ins Herz. Ich müsste, denkt der Ausstellungsmacher, diese Äußerung der Tochter auf einer Schautafel neben die Tagebucheintragungen des Vaters setzen. Etwa, wie der Vater die Gewichtszunahme des Neugeborenen registriert. Der Ausstellungsmacher will die Gegensätze in Leben und Werk der Künstlerin sichtbar machen. Er erinnert sich an ein Wort von Walter Benjamin aus dem Passagenwerk: "Ich habe nichts zu sagen, nur zu zeigen." Vater Hesse ist ähnlich verfahren: Die Lebensbücher für seine bedrohten Töchter, sind eine Collage, in der sich der Autor ganz zurücknimmt. Der Vater lässt Fakten sprechen, vermittelt Beobachtungen, klebt Fotografien und andere Dokumente in die Alben. Es ist ein ruheloses Arbeiten. Es ist ein Überlebensmodell. Der Vater zeigt den Töchtern durch die Tagebücher einen Gestaltungsweg auf. Er weiß nicht, ob die Kinder, diese aufblühenden Leben, die Barbarei überleben werden. Er kann die Flucht vorbereiten, aber er weiß nicht, ob sie glücken wird. Mit den Tagebüchern für die Töchter, arbeitet er auch an einem Angedenken für den schlimmsten Fall. Der herzkranke Benjamin, der so intensiv gegen die Nazi-Gewalt angedacht hatte, vergiftete sich auf der Flucht. Über eine glückliche Ankunft in den USA konnte er,  im Gegensatz zu Wilhelm Hesse,  nicht berichten. Der Ausstellungsmacher will das Benjamin-Zitat neben der Notiz Hesses von der Ankunft in New York setzen. Texte an den Wänden, Skulpturen in der Mitte des Raums, notiert er schlagwortartig ins Notizbuch.

 

3. Kunstkammer in Kettwig

 

Im Sommer 1964 ist Eva Hesse in den Glaskasten der stillgelegten Garnfabrik eingetreten. Die eigentliche Aufmerksamkeit des Kunstmäzen Friedrich  Arnhard Scheidt aber galt ihrem Mann, dem Bildhauer. Die Steinskulpturen des Amerikaners hatten das Interesse des deutschen Industriellen geweckt. Scheidt, der den Künstler in New York besuchte, lud  Doyle  zu einem Arbeitsaufenthalt nach Kettwig unweit von Essen ein. Hesse ist die nette Begleiterin, die glücklicherweise auch Kunst macht. Der Glaskasten diente ursprünglich der Beaufsichtigung der Arbeiter durch die Vorgesetzten. Jetzt beaufsichtigt die Hesse dort ihren umtriebigen Mann. Zugleich macht sie Kunst. Der Glaskasten wird zum Kunstraum. Die Frau, die als Kind verfolgt wurde, ist jetzt Künstlerin.  Für das Jahr 1964 benutzte Hesse einen Taschenkalender der Maschinenbaufirma MaK aus Kiel-Friedrichsort.

Deutschland ist das Land der Maschinenbauer, denkt der Ausstellungsmacher, während er im Kalender blättert und eine Zigarette anzündet. Der amerikanische Kunstverlag hat den Kalender samt dem deutschen Begleittext nachgedruckt.  MaK produziert, das erfährt die Künstlerin aus den USA, Spinnereimaschinen für Wollstreichgarn, Teppichgarn, Haargarn, Filzgarn und Baumwollzweizylindergarn. Der Ausstellungsmacher liest es in der Faksimile-Ausgabe der Tagebücher, die die Yale University 2006 herausgegeben hat. Es geht ums 'Krempeln' von Polsterwatte, Industriewatte, medizinische Watte und Filz. Die Hesse umgibt in Kettwig die Aura der Industrieproduktion des Ruhrgebiets. 1965 wird sie, mit Hilfe von Tom Doyle, in der aufgelassenen Tuchfabrik  die ersten Gegenstände für ihre Kunst, für ihre Materialbilder finden.  Ihre Kunst wird jetzt im wörtlichen Sinne  'gegenständlich'. Sie nimmt den Faden, die Kordel, die Schnüre auf und produziert daraus etwas Neues. Aus der Malerin wird eine Skulpturenarbeiterin. Tom Doyle und Eva Hesse assistieren sich, bei allen persönlichen Problemen, auf dem Gelände der Scheidschen Fabrik gegenseitig. "Aber wir haben uns auch gegenseitig unterstützt. Sie hat mir geholfen, meine Skulpturen zu bemalen, und ich ihr beim Bau ihrer Rahmen" sagte Doyle. Er gehört zu den unkonventionellen Köpfen der nordamerikanischen Kunstszene; mit neu entwickelten Klebern (Epoxyklebern) schafft er 1962 in Woodstock Steinskulpturen. Hesse ist mit Doyle bereits zusammen. Die Malerin wird Zeugin seiner Experimente. Doyle wird zu einem von Hesses Impulsgeber auf dem Weg zu den  Experiments in Art und Technology,  wie es die Künstlerin 1967 in ihren handschriftlichen Notizen über die Arbeit mit Latex und anderen Kunststoffen schreibt. Der Impuls für die Skulpturen der Hesse, die ihr Hauptwerk sind, geht vom Ruhrgebiet aus, schreibt der Ausstellungsmacher in sein Notizheft. Nicht Hamburg oder Wiesbaden, Essen wäre der ideale Ort für die Präsentation ihrer Arbeiten in Deutschland, denkt er.

 

4. Von Serien und Assistenten

 

Ihre Besuch von Kettwig aus. "Est Berlin - Pergamon Museum - Babylonian, Assyrian, Greek", schreibt sie unter dem 29. 12. 1965 in ihren MaK-Kalender. Kreisformen. Wiederholungen. Das persische  Ischtar-Tor im Pergamon-Museum in Ostberlin sehen. Nachwirkungen des Deutschland-Aufenthalts der Künstlerin.  Wieder in den USA gestaltet sie 1965:  Ishtar, 20 Halbkugeln in Kordeln gefasst.

1965 ist der Ausstellungsmacher in einen Bürgerhaushalt geboren. Du musst Abitur machen, sagte der Vater. Er ist dann gegen den  Willen der Eltern Kunsthistoriker geworden.

Unentwegt sammelt und verarbeitet  Hesse  Eindrücke. Dabei reisen Doyle und Hesse, ganz unamerikanisch, überwiegend mit dem Zug. Der Kalender der Steinkohlen-Elektrizität, Aktiengesellschaft in Essen, den Hesse für die 1. Hälfte von 1965 benutzt, zählt die TEE- und Fernschnellzüge auf, die in jener Zeit verkehren. Dazu gehört auch der Italien-Holland-Express, den das Paar möglicherweise genommen hat, um von Kettwig nach Amsterdam zukommen. Jedenfalls notiert sich Hesse "night-train to Amsterdam" ins Tagebuch. In Amsterdam sehen sie Gemälde Vincent van Goghs.

"Wir verbringen unsere Tage mit der Arbeit, wir arbeiten immer. Am Abend sind wir todmüde und gehen erst ins Café und dann früh zu Bett. Das ist unser Leben... Unser Zwiegespräch ist mitunter von einem außerordentlichen elektrischen Fluidum belebt, mitunter stehen wir davon auf mit müdem Kopf und wie eine elektrische Batterie nach der Entladung", schrieb Vincent van Gogh aus Arles über die Arbeit mit Paul Gauguin  an seinen Bruder Theo. Vieleicht kannte die Hesse diese Briefe.

Zur Intensität der Arbeit mit Hesse äußerte sich auch Doug Johns, der  ihr Assistent in den späten 1960er Jahren war. Hesse lebte damals in der Bovery, einem Gewebe- und Künstlerviertel, in New York. Hier hatte sie, auch nach der Trennung von Doyle, noch immer ihr Loft. Johns charakterisierte die Gegend auch als ein Quartier von "Abgestürzten". Ein Ausstellungsprojekt müsste diese Atmosphäre sichtbar, vielleicht auch durch Tonaufnahmen, hörbar machen, schreibt der Ausstellungsmacher ins Notizbuch.

Bei Johns klingt es ähnlich wie bei van Gogh: "An einem typischen Tag sind wir morgens ziemlich früh aufgewacht und sind, ohne zu frühstücken, direkt ins Atelier gegangen. Nur das war es, was uns bewegt hat. Wir haben damals diese raumgreifenden Skulpturen geschaffen. Dabei haben wir nicht viel geredet, nur über das, was wir direkt vor uns hatten... Manchmal bin ich eine Woche am Stück dageblieben, das bedeutete, tagsüber arbeiten, abends ins Bett und morgens wieder aufstehen... Nach draußen sind wir nur gegangen, wenn wir gleich um die Ecke in die Elisabeth Street zu einer kleinen Bude gingen, die von einer Frau betrieben wurde, die dort sizilianische Pizza verkaufte." Das Ausstellungsprojekt müsste auch diese sinnliche Ebene erfassen: Für die Besucher gebackene Pizzen. Hesse / Johns arbeiten u.a. an der Skulptur  Right After, einem komplizierten Geflecht aus Schüren, die von der Decke hängen. Insbesondere für die Hängung war Johns zuständig. Nach der Aussage ihres Assistenten hat Hesse die gemeinsame Arbeit so beschrieben: "Wir sind auf die Leiter herumgeklettert und haben das Material aufgehängt - immer wieder anders. Vier Hände, die immer wieder alles verändern und neu arrangieren, damit was passieren kann, wieder und wieder, immer wieder anders, damit es wachsen, sich verbinden, sich multiplizieren kann." Johns beschreibt, wie Hesse auch in dieser Werkphase in den Secondhandshops nach "Krempel" suchte. Dabei bleibt Johns der Gehilfe, Hesse der Boss. Die Beziehung zwischen Hesse und Johns ist zwar auch privat, aber nie romantisch. Auch für Hesse gilt ein Satz, den Vincent van Gogh in seiner Zeit in Saint-Rémy (1889- 1890) schrieb: "Das Leben geht vorbei und die Zeit kehrt nicht wieder; aber ich spanne mich in die Arbeit, weil ich weiß, die Gelegenheit zu arbeiten kehrt nicht wieder." Diese empfindlichen Werke aus Fieberglas, Polyesterharz und Latex wurden von Hesse in wenigen Jahren, am Ende der 1960iger Jahre, produziert. Es sind, im Vergleich zur chemischen Industrie, winzige Serien, die Hesse mit ihren Assistenten fertigte. Die Serien der Künstler karikieren die Massenproduktion des Kapitalismus. Es sind Ausrufezeichen des Aufbegehrens: Schaut her, wir Künstler sind auch ein Teil dieser Welt. Hesse, die Brigitte Kölle zufolge, Texte von Beckett, Sartre und Camus schätze, spielte mit den Zeichen, mit der Leere. In den leeren Gefäßen der Künstlerin befindet sich ALLES und NICHTS.

 

5. Letzte Schichten

 

Es sei keine Kleinigkeit mit dreiunddreißig Jahren einen Hirntumor zu haben - mit dieser Äußerung begann Hesse ihr Interview mit Cindy Nemser im Januar 1970. Mit der Vergänglichkeit des eigenen Lebens konfrontiert, spricht sie über die Vergänglichkeit ihrer Werke: "Im Moment arbeite ich nicht, aber ich weiß, dass das Problem auf mich zu kommt, sobald ich wieder mit Fieberglas arbeite, denn soweit ich weiß, ist diese Substanz toxisch, und weil ich so krank gewesen bin, kann ich nichts mehr riskieren. Ich treffe keine Vorsichtsmaßnahmen. Ich weiß nicht wie ich das machen sollte. Ich kann mir keine Maske über den Kopf ziehen. Und auch das Latex hält nur für eine kurze Zeit." Hesse, die Handwerkerin, kennt die Morbidität ihrer Materialien.

Schichten, denkt der Ausstellungsmacher, in Schichten denken die Bergarbeiter. Er, der am Rande des Ruhrgebiets geboren wurde, hat diesen Begriff in seiner Kindheit oft gehört. Schicht riecht nach Arbeit und Butterbrot.

Schichten bedeutet für Hesse im Sommer 1969, das wiederholte Auftragen von Tuschefarben auf Papier. So entstehen die sogenannten Window  Drawings. Das Zeitfenster, das sie noch hat, ist klein: Ende Juli setzen die Kopfschmerzen wieder ein. Sie hat sich mit der Künstlerkollegin Gioia Timpanelli nach Woodstock in ein hölzernes Landhaus zurückgezogen. Es  ist ein Haus ohne Herrenzimmer. In Woodstock war Hesse, zusammen mit Doyle, schon 1962. Damals war sie frisch verliebt, im Sommer 1969 ist sie tödlich erkrankt. Für die Künstlerin schließt sich in der Abgeschiedenheit der idyllischen Künstlerkolonie in der Nähe von New York ein Kreis. Timpanelli und Hesse arbeiten wie Zen-Buddhisten: In der Stille. Timpanelli: „Wir haben richtig hart gearbeitet, ohne zu sprechen, ohne uns gegenseitig weiter zu beachten. Das heißt, wir waren wirklich autonom, jede für sich, und wir haben unsere Arbeit gemacht... Mittags haben wir eine Pause gemacht, ein bisschen Suppe und ein Sandwich gegessen ..." Einmal mehr blitzt in diesen Worten die Praxis der Künstlergemeinschaft auf. Hesse hat Farben und Pinsel dabei und übt, wie Jürgs betont, ihr "Handwerk" aus.

Der Ausstellungsmacher versenkt sich in eine Arbeit von ihr aus dem Jahr 1966: Es sind 12 unglaublich filigrane Kreisformen. Er denkt, die Präsentation ihrer Werke müsste in einem kreisrunden Industriegebäude stattfinden.

Hesse hatte diese Idee vom Kreis. Vom Gestaltungsprozess, der nicht enden will. Wenn sie eine Religion hatte, dann war es die Religion der Kunst. Ein Glaube, der auf  Versenkung im unablässigen Tun beruht. Ein Weg, der keine Dogmen zulässt, sondern sich forschend mit der Welt auseinandersetzt. Wissenschaft, Technik und Kunst stehen so in einem geschwisterlichen Verhältnis. Das hat das Leben und Werk der Hesse aufgezeigt, denkt der Ausstellungsmacher und sitzt rauchend überm Notizbuch.   

 

Dieser Text wurde 2014 zum Literaturwettbewerb "Schauplatz Museum" des LiteraturBüro Ruhr in Gladbeck eingereicht.

23.1.15 11:28, kommentieren