Über

Gregor Bohnensack

Mich interessieren in der Kunst Prozesse, nicht Ergebnisse. Ich mache in folgenden Gruppen Musik:  

Wuppertaler Improvisations Orchester, FREEZZE (Münster)  und         Partikelgestöber (Münster).

 

Lebenslauf:

1957: in  Hamm  geboren 

1980 -83: Studium der Sozialpädagogik in Münster mit dem Schwerpunkt Ästhetik und Kommunikation, vor allem Theaterpädagogik

1983-84: Anerkennungsjahr bei der Stadt Münster (Jugendarbeit)

1987-89: Projektarbeit  bei der Kulturkooperative Münster e.V.: „Förderung und Entwicklung von Eigeninitiative   bei Arbeitslosen durch  Kulturarbeit“

Seit 1990: freiberufliche Tätigkeit als Schauspieler und Rezitator, u.a. beim Transittheater

1994-98: Fortsetzung der Theaterarbeit

Ab 1999: Aufführungen, Lesungen und MusikPerformances (u.a. seit 2013 beim Wuppertaler Improvisations Orchester)                                                                   

 

Ab 2003: Kursleiter für Kreatives Schreiben an Volkshochschulen (Münster, Hamm und Osnabrück) und konfessionellen Trägern  (u. a. Kath. Bildungswerk Mülheim an der Ruhr)                                                                         

Ab 2011: Kursleiter „Lesen und Schreiben“ (auch mit elektronischen Medien) für Menschen mit Handicaps 

 

<aktiv.

 

 

 

Alter: 59
 


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Blog

Mutmaßungen über Portugal - mit behinderten Menschen über die Fußball-WM in Brasilien schreiben

 

Die WM in Brasilien ist fast vorbei. Die Spiele sind heute, am Nachmittag des 12. Juli 2014, bis auf das Spiel um Platz  3 und das Finale ausgespielt. Der Schreibgruppenleiter hat sein Angebot abgeschlossen. Sie, die teilnehmenden Schreiber, haben die Spielpläne gelesen und bearbeitet.  

 

Brasilien - Kroatien: so hat es angefangen. Es ist 3: 1 ausgegangen. Aber es interessiert nur noch Statistiker. Brasilien ist nicht weitergekommen. Brasilien ist ausgeschieden. Menschen mit Behinderungen haben es verarbeitet. Sie schlagen ein ganz anderes Tempo an. Tabellen lesen. Zwei kommen weiter, zwei  müssen "nach Hause fahren". Nach Hause fahren ist etwas, daß erklärt werden muß. Über Punkte und Tore sprechen. Kroatien - Mexiko 3:1. Über die Länge eines Spiels sprechen. Das Grundlegende erklären. Dass ein Spiel neunzig Minuten hat. Halbzeiten zu fünfundvierzig Minuten. Spanien - Niederlande 1:5. Über Torverhältnisse nachdenken. Tore mit Hilfe der Finger abzählen. Verlangsamen. Der Schreibgruppenleiter muß sich verlangsamen. Jemand fragt, wann spielt Schalke wieder. Man muß die Unterschiede zwischen der Liga und den Nationalmannschaften immer wieder neu herausarbeiten. Es wieder und wieder an die Tafel schreiben. Zwischenergebnisse festhalten. Der Unterschied zwischen Viertelfinale und Halbfinale.

 

Der Mann fährt im elektrisch getriebenen Rolli vor. Sein Fahrzeug ist ein Ungetüm, das er mit vier Fingern der linken Hand steuert.  Er gehört zu den wenigen, die eine Viererkette erklären können. Er spielt mit vier Fingern. Er spricht vom System Löw. Taktik und Aufstellung aus dem Mund eines Menschen, der nie einen Ball gespielt hat, der das Leder nie mit dem Fuß berührt hat. Er betont die Qualitäten von Philipp Lahm. Er, der Rollstuhlfahrer - nennen wir ihn Franz - ist von Geburt an gelähmt. Aber er kann eine Tabelle lesen. Es ist nicht selbstverständlich, eine Tabelle lesen zu können. Franz bearbeitet mit der Restmuskelkraft seiner vier Finger die Tastatur des Computers.

 

Gruppe G:  Deutschland - Portugal 4:0. Glanz in seinen Augen. Der vierte Stern, er kann kommen. Er kennt die Jahreszahlen der bisherigen Titel. Die Geschichte der Triumpfe. Sein Mund kann Dir die Siege erklären. Er kann Dir Bayern erklären. Er kann Dir mit vier Fingern und einem guten Mundwerk Bayern wie ein Müller erklären. Er möchte gern in München leben. Am liebsten "direkt an der Säbenerstraße."

 

Deutschland - Ghana 2:2 Wir arbeiten am PC an Tabellen. Eine Tabelle über Word 2007 einfügen. Die einzelnen Schritte zeigen und einüben. Menschen, die nicht so schnell lernen, Technik zutrauen: "Fallen darfst'de, aufstehen musste" (Rainer Calmud). Wie erklärst du die Sprüche eines Fußballers jemandem, der nie stehen konnte. Machmal Schweigen. Ratlosigkeit. Einfach schweigen und erstaunen darüber, wie das Textfragment doch auf den Bildschirm kommt.

 

USA - Deutschland 0:1. Über den Fußball ins Sprechen kommen über Klinsmann und seine Zeit als Stürmer. Vom Fußball über die Liebe zu Sprechen kommen. Wie der Mann in die neue Pflegeeinrichtung gezogen ist und seine Freundin zurückgelasen hat. Von den Zwängen reden, denen ein von Geburt an Schwestbehinderter ausgeliefert ist. Mit Menschen über Fußball schreiben, die nicht laufen können. Für Menschen, die niemandem auf die Füße treten können, eine Schreibschule für Fußball einrichten. Thomas Müller am Weber-Grill. Mit Müller den Weg ins Finale finden - auch, wenn man nicht am Grill stehen kann. Sein Goldener Schuh bei der WM. Mit einem Menschen, der seinen Fuß keinen Millimeter bewegen kann, über einen Torschützenkönig sprechen. In der SPORT BILD die Welt des Fußballs aufzeigen. Die spielstarken Mannschaften aus Europa: Spanien, Holland, Italien und Deutschland; Belgien als Geheimtipp.

 

Wie ist Portugal einzuschätzen? Mutmaßungen über Portugal. Der wortsuchende Schreibgruppenleiter fachsimpelt mit Spastikern über die Fitniss eines Superstars namens Ronaldo. Die Sprache des Fußballs ist die Sprache der Superlative. Die Sprache des Fußballs ist kein mühsames Wortfinden, sondern ein Wie-im-Fieber-reden. Die Sprache des Fußballs ist der Schrei des Kommentors nach dem Tooooor. Die Sprache als Wortstoß, als Ekstase der Heldenverehrung.

 

Muskel. Mit den lahmen Muskeln der Hand einen Buchstaben finden. Den Buchstaben ansteuern. Koordination von Hand und Auge. Am Tablett oder an der PC-Tastatur. Am Schreiben bleiben. Wir sind noch im Werden, sagte einst der Philosoph Ernst Bloch. Wir haben noch nichts erreicht, sagt der Bundestrainer vor der Weltmeisterschaft 2014. Wir können uns für den Sieg noch nichts kaufen - sagen die Spieler ins Mikrophon. Geld regiert ihre Welt. Wir wollen uns belohnen und unsterblich werden. Die belanglosen Worte von Müller und Kroos hören und gelassen bleiben.

 

Die Frau, die unter Zuckungen, Buchstaben tippt, stammelt die Worte. Kein Reporter bespricht ihre Unsterblichkeit. Mit den Zuckungen weiterschreiben. Das Zittern als eingeübten Automatismus verstehen. Es ist für die behinderte Frau eine Standardsituation. Den Speichel mit den Muskeln des Mundes nicht halten können. Es auf die Berührfläche des Tabletts tropfen lassen. Der Spielfluss, der Speichelfluss. Den Ball mit der Brust stoppen und mit dem Fuß weiterverarbeiten. Schreiben! Das Spiel mit der Hand weiterführen. Nicht aufgeben. 'Wir werden Weltmeister', schreibt jemand. Seine Vorhersage wird eintreffen.

23.11.14 14:39, kommentieren

VocColours & Partikelgestöber

KUNSTHAUS: ALTE SCHULE

am 5. 10. 2014, 15 Uhr 

 

Greven, Aldruper Brink 33,

48268 Greven  

 

VocColours mit:

Norbert Zajac, Stimme

Brigitte Küpper, Stimme 

Iouri Grankin, Stimme

Gala Hummel, Stimme

Partikelgestöber mit

Gregor Bohnensack (Blasinstrumente)

Thomas Schnellen (Elektronik) 

 

Das Sextett bietet eine genussvolle Begegnung mit improvisierter Musik. Die Akteure verfügen über langjährige Erfahrung in diesem Genre.

 

 image

 

VocColours & Partikelgestöber auf You Tube hören und sehen:

http://www.youtube.com/watch?v=XhnCaJUox_g&feature=youtube_gdata_player

12.9.14 13:53, kommentieren

Wolfgang Herrndorf: SAND

GEDANKEN ZU SEINEM BUCH

Sand ist ein schwieriges Buch. Keine übliche Urlaubslektüre. Ich las darin im Juli 2014 in Prerow - früher DDR-Urlaubsparadies. Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, der schon Thema bei Herrnsdorf ist, tobt immer noch.

Gewalt / Die Süddeutsche Zeitung berichtet in der Ausgabe vom 30. 7. 2014 von einer Japanerin, die von einer Mitschülerin aus 'Mordlust' zerstückelt wurde. Die Täterin ist 16, ihr Opfer 15 Jahre alt. Die Zeitung begnügt sich mit der Darstellung der Fakten: Die Hintergründe der Tat werden nicht erhellt. / Japan gehört zum 'freien' Westen.

Die Gewalt geht bei den Autoren der großen, von der werbenden Wirtschaft finanzierten, Presseorgane meist von den Anderen aus: den 'rußlandhörigen' Seperatisten in der Ukraine oder den Palästinensern. Die Israelies wollen alle Tunnel der Hamas zerstören. Die Opfer sind vor allem Palästinenser. Ihre Häusers werden zerbombt, während Europa Urlaub macht. Ich sitze, während ich feinen Kaffee schlürfe, in Pommerland selbst im Widerspruch.

Die 'freiheitlichen' Kräfte überlassen Israel das Feld oder den Gaza-Streifen. Eine 'Enklave' (SZ, Ausgabe siehe oben) wird mächtig bombardiert. Es zeigt sich eine erschreckende Gleichgültigkeit gegenüber einer Gewalt, die vom Westen durch Waffenlieferungen an Israel erst möglich gemacht wird. Bereits im Herrndorf-Roman ist der israelisch-palästinensische Thema. Herrndorf behandelt, als Seitenthema, den 1972 seitens der Palästinenser erfolgten Angriff auf die israelische Mannschaft im olympische Dorf in München.

Der Osten: In Prerow wird Antibrumm, ein Mittel gegen Mücken, verkauft. Das Mittel wird vom Schweizer Tropeninstitut empfohlen. Offenbar beginnen die Tropen im Osten Deutschlands.

Sand, etwas auf Sand bauen. Die biblischen Formulierungen, nach denen die Gottlosen etwas auf Sand bauen. Ich gehe mit dem Buch an den Strand von Prerow (Aufgang 23). Mit Sprache spielen. In den Unterweisungen der Christenkinder wird leider, wie ich als Konfirmant selber erfuhr, wenig gespielt.

Herrndorfs Zitate in Sand: Jeder Geschichte, es sind 68, ist ein Denker- oder Dichterwort vorangestellt. Es beginnt mit Herodot, dem antiken griechischen Historiker: "Wir schicken jedes Jahr... ein Schiff nach Afrika, um Antwort auf die Fragen zu finden: Wer seid ihr? Wie lauten eure Gesetze? Welche Sprache sprecht ihr?" Aber, die europäischen Mächte haben im Laufe der Geschichte nicht versucht, Fragen zu beantworten. Sie haben vielmehr Gold und Sklaven gesucht. Europa ist einem Geld- und Machtrausch erlegen. Ja, es wurden Schiffe geschickt. Schiffe mit Soldaten und Kanonen. "Sie aber (die Afrikaner, Anmerkung von mir G. B.) schicken nie ein Schiff zu uns", sagt Herodot. Doch gegenwärtig schicken die Afrikaner Schiffe zu uns. Die Menschen, die sie mit sich führen, sind unerwünscht. Die Europäer interessieren sich nicht sonderlich für Afrika. Herrndorfer macht es in Sand leider nicht zum Thema. Wie Herodot schreibt er im Modus abendländischer Selbstgerechtigkeit.

Sand ist ein Durcheinander. Ein Verschiebebahnhof der Gedanken. Am eindrücklichsten, am erhellensten, ist noch das Zitat von Dagobert Duck: "Warum soll es nicht möglich sein, Gold zu machen? Wir wissen heute aus der Atomphysik, dass alles möglich ist." Herrndorf stellt diese Essenz kapitalistisch-amerikanischen Denkens, und Dagobert Duck ist gewiss für die gegenwärtige westliche Welt der prägnanteste Denker, seinem 30. Kapitel voran: Hakim von den Bergen. Hakim entstammt einer Sippe von Goldsuchern, die seit Generationen nach Gold graben. Und er, Hakim III, gräbt seit 40 Jahren "ohne ein Stäubchen" gefunden zu haben. Alles ist möglich, sagt die Ideologie. Wenig wird erreicht, vermittelt die gesellschaftliche Realität.

Gewalt als Ausdruck totaler Hilflosigkeit: so handeln die Palästinenser. Die Situation hat sich in der Region seit dem Anschlag von 1972 nicht wesentlich verbessert. Kein bekannter deutscher Politiker bemühte sich, obwohl der Anschlag auf deutschem Boden stattfand, ernsthaft um einen Ausgleich. Man unterstützt einseitig Israel. Man steht treu an der Seite der Amerikaner. Es bleibt beim Geist des Geldscheffelns. Eine Comic-Figur wie Dagobert Duck definiert eine Denkart, die sich im modernen Investment-Kapitalismus niederschlägt.

Autos im Sand: Sie lassen mich an Toyoto-Modelle denken. Sie rasen z. B. im Irak über die Pisten, aufgerüstet mit Maschinengewehren.

Zitate bei Herrndorf. Auf Seite 141 (Taschenbuchausgabe): "Und er nahm eine Scherbe und schabte sich und saß in der Asche." So schrieb Hiob.
Als ich ein Kind war, wurde ich in der Bibel unterwiesen. Man versuchte mir Jesaja in Pelkum bei Hamm (Westfalen) und eben auch Hiob näherzubringen. Später erfuhr ich von den an Juden durch Deutschland verübten Verbrechen. Wie Menschen zu Asche wurde. Aber meine Lehrer, vom Wirtschaftswachstum des Landes berauscht, waren nicht wirklich erschüttert.

Heute ist Israel vor allem Militärmacht. Man ist Herr der Lüfte und übt , wie die Christen, Psalmen. Die Palästinener graben sich ein. Friede ihren Gruben. Man kann dabei an Franz Kafka denken:. In seiner Erzählung 'Der Bau' schreibt er: "... , daß hier meine Burg ist, die ich durch Kratzen und Beißen, Stampfen und Stoßen dem widerspenstigen Boden angewonnen habe, meine Burg, die auf keine Weise jemandem anderen angehören kann und die so sehr mein ist, daß ich hier letzten Endes ruhig von meinem Feind auch die tödliche Verwundung annehmen kann, denn mein Blut versickert hier im Boden und geht nicht verloren." Kafka ist auch nicht weniger als Jesaja, Hiob oder Jesus. Wir Menschen sollten lesen, schreiben und Frieden halten.

Im Haferland, im Fischland Darß. Im Hotel Haferland. Tisch an Tisch an einem Augusttag in 2014. Wo kein Krieg geführt und nicht "Serbien muss sterbien" gebrüllt wird. Stattdessen wird Sanddornsaft aufgetischt.. Es liegt viel Frieden im Sanddornsaft. Es geht auch ohne religiösen Überbau: Es geht auch ohne Moses, Jesus und den Islam.

Ein Schriftsteller sollte Positionen haben. Sind die Fünf Bücher, aus denen Sand besteht, eine Anspielung auf die Fünf Bücher Moses? Es ist unklar. Herrndorfs Schauplatz ist der Maghreb, "halbzivilisiert, schmutzig, chaotisch, gewalttätig und korrupt", schreibt Friedmar Apel in der FAZ vom 11.11. 2013 über Sand. So sind eben die Araber. Die FAZ ist doch immer für eine klare Zuordnung gut. Man hat ein "verfremdetes Marokko" (Apel) vor sich. Marokko ist eines der Länder, die heute von der EU dafür bezahlt werden, möglichst keine Flüchtlinge in jenes Bollwerk zu lassen, das man das 'freie' Europa nennt. Aber Herrndorf interessiert Afrika nicht. Er ist der Prototyp des deutschen Schriftstellers nach der Zeitenwende von 1989: Flotte Schreibe ist, zumindest in Sand, sein zentraler Maßstab. Wir erinnern uns: "Warum soll es nicht möglich sein, Gold zumachen", sagt Dagobert Duck. Dabei ist Gold völlig wertlos, es sei denn, man spekuliert damit. Der Goldrausch des Kapitalismus dient dazu, Menschen in die Irre zuführen. Herrndorf hat aus Sand Gold gemacht.

1 Kommentar 29.8.14 12:33, kommentieren

John Cage und die frei Improvisierte Musik

 

4’33’’ verändert die Welt der Musik

 

4’33’, dieses lautlose Klavierstück von Cage, hat alles verändert. Mit  4’33 ist die Klangherrlichkeit des   Klaviers gebrochen und die bürgerliche Musikdarbietung, als eine notenkomplexe und disziplinierende Veranstaltung  infrage gestellt. Das verstummte Klavier nebst Orchester ist hier kein Vehikel mehr für eine wie auch immer gestaltete Virtuosität. Um diesen Bruch mit der abendländischen Fingerfertigkeit am Musikinstrument geht es auch der freien Improvisation. Die freie Improvisation definiert sich erst einmal negativ, nämlich durch das, was sie nicht ist: ein genialer Komponist taucht nicht auf, das ‚Konzert’ ist nicht unterhaltsam, weil neben Tönen auch Geräusche erklingen, die manchem Hörer wie eine Beleidigung seines Ohres erscheinen und eben nach seinem Verständnis keine Kunst sind.

 

 

Bei 4’33’’  ist es gar nicht soviel anders: auch hier wird der Hörer nicht verzaubert: Er hört Stühle rücken und das Flüstern seines Nachbarn; er hört ein entferntes Husten und vielleicht ein leises Pfeifen im eigenen Atemvorgang: das alles ist nicht schön. Eine Instrumentaltechnik, die den Hörer zu berauschen vermag,  wird nicht ausgepackt. Stattdessen markiert der Pianist die Sätze des Stücks durch Öffnen und Schließen des Klavierdeckels. Kann das nicht jeder, der zwei Arme hat? Man fühlt sich vielleicht, wenn man über den Tellerrand der Musikkonsumtion hinausschaut, an Ernst Jandl und seinen Text vom Öffnen und Schließen des Mundes erinnert. Klänge werden durch Gesten ergänzt. Der Körper kommt ins Spiel, wenn der Pianist nicht mehr spielt, achtest du verschärft auf seinen Körper. Viele Hörer, die im Frack ins Konzert gehen, möchten jetzt ihr Geld zurück. Wie sagt doch John Cage: „Viele denken, Kunst hätte mit Verstehen zu tun, aber das ist nicht der Fall. Sie hat vielmehr mit Erfahrung zu tun... Man möchte nicht verunsichert werden. Deshalb verlassen sie den Saal und behaupten, es gäbe keine  Avantgarde. Aber die Avantgarde gibt es weiterhin, sie ist Erfahrung.“1

 

Genau darin liegt auch die Aufgabe des Improvisierenden Musikers: er schafft Erfahrungs-räume. Der frei Improvisierende Musiker musiziert eigentlich gar nicht, sondern produziert Klänge und Gesten, die aufHorchen lassen und infrage stellen. Eine so verstandene Musik will Denkvorgänge provozieren, ist eine Art erweiterter Philosophie. Der Improvisationsmusiker Christopher Dell schreibt: „Die Ordnung der Dinge, so wie sie bis ins 20. Jahrhundert vorherrschend war, scheint vorüber zu sein. Ordnung wird nicht mehr durch die Vermittlungsinstanzen religiöser oder weltanschaulicher Provenienz bestimmt, sondern verortet sich in jedem Moment neu.“2

 

Auch für Musik gibt es keine vorgegebne Ordnung mehr. Vielmehr sind Musiker aufgefordert, Position zu beziehen. Freie Improvisationsmusik ist daher kein Gotteslob, sondern Musik des Augenblicks. Improvisationsmusik basiert auf der Vorstellung, dass jedes Individuum in einem unerhörten und unbegreiflichen Abenteuer auf diesem Planeten unterwegs ist. Aussagen können wir nur für diesen Moment treffen, alles Reden vom ‚Ewigem’  ist hohl: Luthers Katechismus ebenso wie Bachs Choräle und die Hirtenbriefe der Päpste sowieso. 4’33’’,  von Cage 1952 macht diese Sichtweise hörbar.

 

Improvisationsmusik ist ein Provisorium, das  als Moment einer globalen  Performance - oft elektronisch aufgezeichnet  - nur an ein Datum gebunden durch die Welt geistert.  

 

Wie sich 4.33 auf die moderne Bildende Kunst ausgewirkt hat, zeigt eine Aktion von Joseph Beuys und  Nam June Paik aus dem Jahre 1978 in Düsseldorf: 'In memoriam George Maciunas'. Maciunas, ein bildender Künstler, starb mit 47 Jahren. Dazu erklärt Beuys: "Denn wir haben gesagt, er ist mit 47 gestorben, wir stülpen das um und machen deshalb die Laufzeit, die Lebenszeit in umgestülpter Form... Wir stellen zwei Pianos auf, er macht seine Sache, ich mache meine Sache, wir haben uns nicht abgesprochen über das, was wir machen. Also tonmäßig. Wir treffen uns an einem Punkt, keiner weiß vom anderen, was er macht; das einzige, was wir wissen und worüber wir uns geeinigt haben, ist die Zeit."3 Tatsächlich hat Beuys dann mit Nam June Paik am Klavier 74 Minuteniimprovisiert.

 

Das Präparierte  Klavier ist eine der wichtigsten Erfindungen von Cage. Präparieren heißt bei Cage, den Klang des Klaviers mit Papierstreifen, Schrauben und Stiften zu manipulieren und zu brechen. Cage schuf  im März 1940, mitten im 2. Weltkrieg,  ein Tasteninstrument mit dem er  - für eine Tanzchoreografie - das Perkussionsensemble ersetzen wollte. Cage macht das Klavier zum Diener. Seine Klavierverfremdungstechnik ist mit der Dämpferspiel bei Trompeten und Posaunen zu vergleichen: Auch hier wird der heroische Klang des Instruments zunächst im Jazz, etwa bei Miles Davis, später in der Improvisierten Musik von Radu Malfatti (Posaune) oder Birgit Uhler  (Trompete) durch Dämpf- und Stopftechniken radikal verfremdet. Über die Anordnung des präparierten Materials im Körper des Klaviers schreibt Cage: „Es war, wie wenn man am Strand entlanggeht und Muscheln findet, die einem gefallen. Wenn man das Klavier präpariert hat und auf ihm i m p r o v i s i e r t  (Hervorhebung von mir, G. B.), dann findet man auch Melodien und Klangkombinationen, die zur Struktur der Präparation passen.“ 4  Das Zitat zeigt, in welcher Weise Improvisation bei Cage eine Rolle gespielt hat. 

 

Festzuhalten bleibt, dass sich bei Cage, wie auch in der Improvisierten Musik, Klangideale wandeln: ein Steinway, Ausdruck musikalischer „Hochkultur“, wird verdinglicht und zu einem ‚gewöhnlichen’ Instrument der Klangerzeugung. Mit Cage lassen sich Instrumente, gegen ihre ursprüngliche Verwendung einsetzten, und genau hier erweist sich  der amerikanische Komponist als Türöffner für  die Frei Improvisierte Musik. Die Stille, bei Cage ein wesentliches musikalisches Gestaltungsmoment, klingt  noch im Improvisationsstil von Axel Dörner (Trompete) nach.

 

Cage, der vom Zen-Buddhismus beeinflusst war,  verbindet Traditionen:  Das kommt auch in einem Konzert vom 13. Dezember 1991 in Münster zum Ausdruck. Im paläontologischen Museum der westfälischen Provinzhauptstadt erklingen Kompositionen (für Schlagzeuger und Klavier) u. a. von Cage im Kontext traditioneller afrikanische Musik. Die Veranstaltung hieß dann auch: „Von Afrika bis zur Avantgarde: Musik für Schlaginstrumente.“5  In dem Heft bezeichnet Gisela Gronemeyer Cage als Erfinder, der mit „Bierflaschen, Blumentöpfen und Bremstrommeln“ experimentiert habe. 6 Auch hier zeigen sich Analogien zur Improvisierten Musik.

 

Erfahren statt Verstehen... Die Experimente mit präparierten Klavieren machen deutlich: Musik soll bei Cage erfahren, nicht verstanden werden. „Bedauerlicher Weise hat es das europäische Denken mit sich gebracht, dass wirkliche Dinge, die geschehen, wie etwa, wenn man plötzlich zuhört oder plötzlich niest, nicht als tief angesehen werden“, sagt Cage.7 Wirkliche Dinge, die überraschend kommen und jenseits der Notensprache erklingen, spielen aber auch in der Frei Improvisierten Musik eine erhebliche Rolle. Zum Beispiel, wenn der Cellist Scott Roller das Spiel auf seinem Instrument plötzlich mit der eigenen  Stimme ergänzt. Improvisierte Musik ist voller Ungereimtheiten. Vieles erscheint unlogisch und ist Teil trancehaften Spiels der Musiker. Damit ist das Unbewusste bei Cage ebenso wichtig wie in der Improvisierten Musik. Zu recht begreift Thomas Ulrich, Beethoven als den Antipoden zu Cage. Denn Beethoven, so Ulrich, versuche durch die Partitur seiner Musik Bedeutung zu geben. In letzter Konsequenz wäre demnach das Studieren der Noten ausreichend. Demgegenüber entstünde, bei Cage, die „Musik im Moment.“ Ulrich fährt fort: “...der Komponist Cage tritt erst hervor, wenn das Hören auf seine Musik  zum Abschluss gekommen ist, wenn  nachträglich  darüber geredet, darauf reflektiert wird...“ 8 

 

Als ein Feld für Reflexionen kann auch die Freie Improvisationsmusik verstanden werden. Improvisation setzt den Denkapparat der Anwesenden in Gang; es geht ihr um Kommunikation und Interaktion zwischen Musikern und Hörern, nicht um die Heroisierung eines vermeintlichen Genies.

 

1 zitiert nach: Thomas Ulrich, Neue Musik aus religiösem Geist, 2006, S. 190  

2 Christopher Dell: Prinzip Improvisation, 2002, S. 16   

3Uwe M. Schneede: Joseph Beuys Die Aktionen, Werkverzeichnis, in dem Werkverzeichnis zitiert Schneede auch allgemeine Sätze des Künstlers über sein Klavierspiel: „Ich hatte schon als Kind die Erfahrung, je weniger ich übe, um so besser werden die Töne. Ich hatte auch das Gefühl, wenn ich drei Jahre das Klavier nicht angerührt hatte,  daß ich dann viel mehr gelernt hatte, als wenn ich dauernd während der drei Jahre gespielt hätte. Natürlich hätte ich so nie Virtuose werden können, aber das habe ich ja gerade bekämpft, dieses Virtuosentum." S. 362                                         

4 zitiert nach Matthias Lehmann. Text zur John Cage CD: Sonatas and Interludes for Prepared Piano, gespielt von Boris Berman, 1999, S. 6

 

5  zitiert nach: Neue Musik in Münster, 1991, Konzertreihe WDR-Landesstudio Münster und Stadt Münster,  Programmheft S. 4

 

6  ebd. S. 10

 

7  zitiert nach: Thomas Ulrich, Neue Musik aus religiösem Geist, S. 191

 

8  Thomas Ulrich, Neue Musik aus religiösem Geist. S. 197

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