Herz der Dinge - Kunst gemeinsam erfahren!

Eine teilnehmende Beobachtung von Gregor Bohnensack - Schlößer

Samstag, der 20. Februar 2016: Beginn des Workshops mit dem Titel „Häng‘  doch Dein Herz mal an Dinge!“. Die kolumbianische Künstlerin Maria José Arjona, die biografische Aspekte in ihre Arbeit einbezieht, wird durch die Kursleiter Birgit Kannengießer und Christoph Peter Seidel vorgestellt. Im Raum der Kunsthalle Osnabrück, die die Veranstaltung gemeinsam mit der VHS Osnabrück durchführt, riecht es noch nach Tabak. Es heißt, die Künstlerin habe am Vortag Zigarre rauchend eine Performance gemacht.

Die Frage entsteht, was ist eine Performance? Was unterscheidet eine Performance-Aktion von Theater?

Zwölf Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen sind zusammengekommen. Eine Assistentin versucht, Gebärden zu finden, damit die Teilnehmenden mit Höreinschränkungen mitwirken können. Von Inklusion ist die Rede. Es gilt den Anspruch einzulösen, dass Menschen mit Komplexer Behinderung nicht nur einen „Pflege-und Unterstützungsbedarf“, sondern auch einen „Bildungsanspruch“ und einen „Lernwillen“ (Barbara Fornefeld, 2010, S. 278) haben.

Die Zeichnungen der kolumbianischen Künstlerin fallen ins Auge. Sie hängen an Sperrholztafeln. Die Skizzen sind zum Greifen nahe: darunter Vögel, Zugvögel. Die übliche Museumsdistanz wird infrage gestellt. Zugvögel spielen im Werk der Künstlerin eine große Rolle. Auch darüber entsteht ein Gespräch. Das Flüchtige wird spürbar. Die Frau aus dem fernen Land, die hier gestaltet, ist eine Reisende. Auch die Teilnehmenden werden sich nur für ein Wochenende begegnen und sich dann voraussichtlich nicht mehr wiedersehen.

Wir befinden uns im Arbeitsraum der Künstlerin: ihre Materialien - Stifte, Papiere, Skizzen -  sind ausgebreitet.  Das Offene, das Prozesshafte wird deutlich. Die Teilnehmenden stellen sich vor. Fragmente von Biografien blitzen auf. Verzögerungen treten ein, müssen hingenommen werden. Einige werden zum ersten Mal mit Gebärdensprache konfrontiert. Für zwei Tage werden Hörende und Nichthörende, Schnell- und Langsamsprecher zusammen arbeiten.

Jeder sollte einen - 'seinen' - Gegenstand mitbringen. Nicht alle haben etwas mit. Die Kursleiter haben noch Dinge 'in Reserve'. Wer nichts hat, sucht sich jetzt etwas aus. Ein Teilnehmer wählt einen Hahn aus Holz. Er gebärdet, seine Assistentin übersetzt: Der Mann hat als Kind auf einem Bauernhof gelebt. Konturen seiner frühen Jahre werden sichtbar.

Zwei Teddybären wurden von sehr unterschiedlichen Teilnehmern mitgebracht. Wieder sind Lebensgeschichten Thema:  Gefühle, die über ein Stofftier ausgedrückt werden können. Die Frage nach Beeinträchtigung rückt in den Hintergrund.

Eine andere Teilnehmerin spricht von ihren Kindern. Sie hat ein gerahmtes Foto ihrer Söhne dabei. Ganz fest hält sie es. Jetzt sitzt sie im Rollstuhl. Aber ihre Kinder kann ihr niemand mehr nehmen. Sie ist eine stolze Mutter.

Die Gegenstände werden auf großes weißes Papier gelegt, das auf dem Boden liegt. Das Ganze wirkt wie ein gedeckter Tisch. Umrisszeichnungen entstehen. Farben werden zu Papier gebracht. Die Gegenstände kommen in Fahrt, werden immer neu ausgerichtet. Ein Teilnehmer, der einen Rollator benötigt, wird plötzlich sehr aktiv. Er ist taubstumm und bewegt sich und die Dinge  lautstark aber ohne Worte.

Die Dinge, so scheint es,  beginnen zu tanzen. Eine Trompete wird hin- und hergeschoben - plötzlich sind alle Bläser. Positionen verändern sich. Inklusion, so hat es den  Eindruck, hat etwas mit Bewegung zutun – auch mit Beobachtung und Resonanz. 

Resonanz - inzwischen gibt es den Begriff 'Resonanzpädagogik' - die Formulierung wurde von Hartmut Rosa und Wolfgang Endres geprägt. Über Resonanz schreiben die Autoren: "Kompetenz und Resonanz sind zwei ganz verschiedene Dinge. Kompetenz bedeutet das sichere Beherrschen einer Technik, das jederzeit Verfügen-Können über etwas, das ich mir als Besitz angeeignet habe. Resonanz hingegen meint das prozesshafte In-Beziehung-Treten mit einer Sache..." (S. 7). Der behinderte Mensch ist oft kein 'Besitzender'. Das kommt auch in der umgangssprachlichen Formulierung 'er ist nicht im Vollbesitz  seiner (geistigen) Kräfte' zum Ausdruck. Aber möglicherweise ist diese Besitzlosigkeit auch ein Merkmal seiner Qualität. Vielleicht kann inklusives Kunstschaffen eine Spielart der Resonanzpädagogik sein.

Ein Botschafter der Inklusion mit Down Syndrom bearbeitet das Papier mit höchster Konzentration. Regelmäßig nimmt der junge Mann in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung am Kunstangebot teil. Mit seiner Arbeit beeindruckt er jetzt die Fachbereichsleiterin der Volkshochschule, die den Workshop mitorganisiert und die Kursleiter zusammengebracht hat. Inklusion hat etwas mit staunen zu tun, mit überraschenden Ereignissen. So entsteht über die ‚Dinge‘ ein Gesamtkunstwerk – ein Gewebe von Menschenhand.

"Wir werden Freunde - für eine gewisse Zeit", erklärt eine Teilnehmerin mit sogenannten ‚Lernschwierigkeiten‘.

Sonntag, der 21. Februar 2016: Fortsetzung des Workshops mit Raumwechsel. Schaukeln am Sonntagmorgen. Im Kirchraum, der jetzt Kunsthalle ist, wurde eine Schaukel angebracht. Kirchenschaukeln, könnte man sagen.

Wir sind überrascht. Wir merken, der Kunstraum bringt uns näher. An der Schaukel begegnen sich Menschen mit und ohne Behinderung. Kursteilnehmer und Kunsthallenbesucher begegnen sich. Platz nehmen und in Schwingung kommen ist angesagt. Früher war hier um diese Zeit Gottesdienst. Jetzt sind die ‚Dinge‘ im Fluss. Ob das Kunst ist?

BesucherInnen des Museums  beobachten das Treiben. Die Akteure aus dem Workshop wurden von den Außenstehenden als zusammengehörende Gruppe wahrgenommen. Frage: "Wie kommt ihr zusammen?"

Später ziehen die Teilnehmenden wie eine Karawane durch den Ausstellungsraum. Es entsteht eine rhythmische Bewegung in dem großen Raum, der nicht bestuhlt ist. Alle - auch die Rollstuhlfahrerin - erfahren den Raum auf ihre Weise. Weite entsteht.

"In ihren Werken, in ihrer künstlerischen Darstellung sprechen geistig behinderte Menschen für sich selbst. Hier überzeugt die Ausdruckskraft der Werke, die Anerkennung und Bewunderung verdienen. Kunst kann Brücken schlagen zu anderen Menschen, indem sie Einblick in andere Erlebnis- und Sehweisen ermöglicht, Unverständliches verständlicher macht und Gemeinsamkeiten herausarbeitet und nicht zuletzt, indem sie Leistungen zeigt", heißt es in "Kunst und Kreativität geistig behinderter Menschen" (S. 15). Das Seminar in der Kunsthalle Osnabrück konnte diesem Anspruch durchaus genügen.

 

Verwendete Literatur:

1. Barbara Fornefeld, Bildungsanspruch für Menschen mit Komplexen Behinderungen in: Oliver Musenberg u. Judith Riegert (Hgg.), Bildung und geistige Behinderung, Oberhausen, 2010

2. Hartmut Rosa, Wolfgang Endres, Resonanz Pädagogik - Wenn es im Klassenzimmer knistert, Weinheim und Basel, 2016  

3. Projektgruppe "Kunst und Kreativität geistig behinderter Menschen" der Bundesvereinigung der Lebenshilfe für Menschen mit geistigen Behinderungen, Marburg, 2002 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

30.8.16 13:48

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