DER AUSSTELLUNGSMACHER

 

1. Das Leben als Reise

 

In der Kindheit der Transport. Dezember 1938: Die gewaltsame Verschleppung, Trennung von den Eltern durch die Nazis. Die Kleinkinder Eva und Helen Hesse müssen Deutschland allein verlassen. Er raucht. Der Ausstellungsmacher ist Kettenraucher. Die Mädchen kommen auf den 'Kindertransport'. Später veräußern die Eltern ihren Besitz und dürfen Deutschland ebenfalls verlassen. Der Weg der nun mittellosen Familie geht nach Amerika. New York wird für Familie zum Symbol für Freiheit. Der Vater klebt das Bildnis des Schiffs, das sie in den fremden Kontinent bringt, ins Familienalbum. Aber die Mutter kommt nicht wirklich in den USA an: Die Depression ist übermächtig. Noch nicht vierzig Jahre alt, stürzt sie sich von einem Hochhaus. Es ist ein öffentlicher Tod, die Zeitungen berichten darüber. Die Töchter sind schockiert.

Der Ausstellungsmacher weiß, dass er zu viel raucht. Seine  Gedanken  kreisen um die Vita der Familie Hesse. Vater führt das Tagebuch der Familie. Er macht, was gemeinhin als Aufgabe der Mutter angesehen wird. Der Rechtsanwalt wird zum Buchgestalter. Er gibt der Familie eine Kontur, Deutsches vermischt sich mit Englischem. Hebräische Schriftzeichen verweisen auf eine ganz andere Welt. 'Unser Heim', titelt der Vater. Dort zeigt er sein Herrenzimmer. Aber das bürgerliche Heim mit ihren deutschen Stuben ist zerbrochen. Beim Ausstellungsmacher war  in der Kindheit alles geordnet; das Haus und der Garten mit den Sitzecken.  Alles gut bestückt. Auch bei ihnen existierte ein Herrenzimmer. Am Sonntag aß man im Sommer Erdbeerkuchen mit Sahne. Die Früchte kamen aus dem eigenen Garten. Zum Rauchen ging der Ausstellungsmacher aufs Feld. Eva Hesse wird das Herrenzimmer nicht rekonstruieren. Das Leben der Künstlerin wird, in Amerika und Deutschland, eine Loft-Existenz. Aber: Ein Loft ist kein Heim. Ein Loft ist eine verlassene  Produktionsstätte. Die Aura von Technik und Maschine haftet ihm an. Anders als im bildungsbürgerlichen Heim, erwartet man in einem Loft kein Klavier. Im Elternhaus des Ausstellungsmachers wurde Bach gespielt. Bach zu vier Händen. Einen Ahnenpass hatten sie auch.  Die Zigarette geht ihm nicht aus. Er raucht American Spirit. Einem Loft haftet man nicht an. Ein Loft nutzt man nach Kriterien der Vernünftigkeit. Die  Hesse war eine sehr vernünftige Frau, denkt der Ausstellungsmacher. Als  Hesse mit Tom Doyle, ihrem Mann, nach Kettwig bei Essen kam, sprach kaum jemand in Deutschland von einem 'Loft'. Eher redete man von stillgelegten Fabriken. Für die  Hesse ging es jedoch im Ruhrgebiet nicht still zu. Das Ehepaar war oft auf Reisen. In Kettwig hatte das amerikanische Künstlerpaar eine halbwegs sichere Existenz. Der Ausstellungsmacher ist im Moment arbeitslos. Er sitzt im Flur des Job-Centers  in Essen und hat die Nummer 43 gezogen. Er hat Zeit. Er liest in der Biografie von Michael Jürgs über Eva Hesse. Nach Jürgs waren die Bedingungen für die Künstler sogar vertraglich abgesichert. Wilhelm Hesse, der Jurist, schreibt der  Journalist, habe die Vereinbarungen verfasst. Der Ausstellungsmacher betrachtet im Tagebuch von Vater Hesse wieder die Fotografien vom  Herrenzimmer. Ja, Wilhelm Hesse war ein angesehener Mann in Hamburg. Er war ein Herr. In Amerika wird er kein Herr mehr sein, sondern ein Versicherungsvertreter oder wie man auch sagt, ein Reisender. Aber in Hamburg hatte er ein Herrenzimmer - konnte er am Schreibtisch residieren. In den Staaten musste er sich durchschlagen. Er machte das auf großartige Weise. 1966 fuhr er noch einmal nach Europa. "Er stirbt beim Kartenspiel", schreibt Jürgs. Der Reisende stirbt im Zwischenraum Schweiz. Er, dem das Judentum durchaus wichtig ist, geht nicht nach Israel. Wie Hannah Arendt, die auch jüdische Emigrantin ist, lebt er in den USA und reist in das Alpenland, in jene Idylle, wo man deutsch spricht ohne deutsch zu sein. Die Schweiz besucht auch der Philosoph Theodor Adorno 1969. Auch er kennt die Härte des Emigrantenschicksals. Adorno  aber ist aus den USA nach Deutschland zurückgekehrt und Hochschullehrer geworden. Aus Frankfurt am Main kommend und den Lärm der studentischen Revolte noch im Ohr, sucht er in den Bergen Ruhe und findet den Tod. Für Hesse kommt der Tote im Sarg 1966 aus einem fremden Land. Im August stirbt ihr Vater; im Januar hat sie sich von Doyle getrennt. Ins Tagebuch schreibt sie: "My daddy is gone." Auch der Ausstellungsmacher schreibt Tagebuch. 

 

2. Mit der Kunst überleben

 

Der Ausstellungsmacher stößt auf ein Interview, dass die Hesse kurz vor ihrem eigenen Tod der Journalistin Cindy Nemser  gegeben hat.  Sie sagte: "Mein Vater war fünfzehn Jahre lang krank. Er starb drei Tage nach seinem 65. Geburtstag, doch er war 15 Jahre lang krank... Er hatte seinen ersten Anfall, als ich dreizehn Jahre alt war, eine schlimme Herzattacke... Er liebte mich auf eine Weise, die schon fast inzestuöse Züge trug. Ich bekam ziemliche Schwierigkeiten mit Männern, weil mein Vater und ich uns so nah waren, aber ganz im Stillen. Darüber hat man nicht gesprochen, weil er dauernd krank war und Lähmungserscheinungen hatte und an der Wirbelsäule operiert werden musste, und dann war da noch die Gefahr einer weiteren Herzattacke." In einem Herrenzimmer sitzen und rauchen, denkt der Ausstellungsmacher. 

Im Angesicht des eigenen Todes, gibt es für Hesse keinen Grund mehr, das Leben des Vaters zu beschönigen. Die Gewalt der Vertreibung schlägt sich körperlich nieder. Die demütigende Erfahrung der totalen Hilflosigkeit gegenüber der faschistischen Gewalt frisst sich ins Herz. Ich müsste, denkt der Ausstellungsmacher, diese Äußerung der Tochter auf einer Schautafel neben die Tagebucheintragungen des Vaters setzen. Etwa, wie der Vater die Gewichtszunahme des Neugeborenen registriert. Der Ausstellungsmacher will die Gegensätze in Leben und Werk der Künstlerin sichtbar machen. Er erinnert sich an ein Wort von Walter Benjamin aus dem Passagenwerk: "Ich habe nichts zu sagen, nur zu zeigen." Vater Hesse ist ähnlich verfahren: Die Lebensbücher für seine bedrohten Töchter, sind eine Collage, in der sich der Autor ganz zurücknimmt. Der Vater lässt Fakten sprechen, vermittelt Beobachtungen, klebt Fotografien und andere Dokumente in die Alben. Es ist ein ruheloses Arbeiten. Es ist ein Überlebensmodell. Der Vater zeigt den Töchtern durch die Tagebücher einen Gestaltungsweg auf. Er weiß nicht, ob die Kinder, diese aufblühenden Leben, die Barbarei überleben werden. Er kann die Flucht vorbereiten, aber er weiß nicht, ob sie glücken wird. Mit den Tagebüchern für die Töchter, arbeitet er auch an einem Angedenken für den schlimmsten Fall. Der herzkranke Benjamin, der so intensiv gegen die Nazi-Gewalt angedacht hatte, vergiftete sich auf der Flucht. Über eine glückliche Ankunft in den USA konnte er,  im Gegensatz zu Wilhelm Hesse,  nicht berichten. Der Ausstellungsmacher will das Benjamin-Zitat neben der Notiz Hesses von der Ankunft in New York setzen. Texte an den Wänden, Skulpturen in der Mitte des Raums, notiert er schlagwortartig ins Notizbuch.

 

3. Kunstkammer in Kettwig

 

Im Sommer 1964 ist Eva Hesse in den Glaskasten der stillgelegten Garnfabrik eingetreten. Die eigentliche Aufmerksamkeit des Kunstmäzen Friedrich  Arnhard Scheidt aber galt ihrem Mann, dem Bildhauer. Die Steinskulpturen des Amerikaners hatten das Interesse des deutschen Industriellen geweckt. Scheidt, der den Künstler in New York besuchte, lud  Doyle  zu einem Arbeitsaufenthalt nach Kettwig unweit von Essen ein. Hesse ist die nette Begleiterin, die glücklicherweise auch Kunst macht. Der Glaskasten diente ursprünglich der Beaufsichtigung der Arbeiter durch die Vorgesetzten. Jetzt beaufsichtigt die Hesse dort ihren umtriebigen Mann. Zugleich macht sie Kunst. Der Glaskasten wird zum Kunstraum. Die Frau, die als Kind verfolgt wurde, ist jetzt Künstlerin.  Für das Jahr 1964 benutzte Hesse einen Taschenkalender der Maschinenbaufirma MaK aus Kiel-Friedrichsort.

Deutschland ist das Land der Maschinenbauer, denkt der Ausstellungsmacher, während er im Kalender blättert und eine Zigarette anzündet. Der amerikanische Kunstverlag hat den Kalender samt dem deutschen Begleittext nachgedruckt.  MaK produziert, das erfährt die Künstlerin aus den USA, Spinnereimaschinen für Wollstreichgarn, Teppichgarn, Haargarn, Filzgarn und Baumwollzweizylindergarn. Der Ausstellungsmacher liest es in der Faksimile-Ausgabe der Tagebücher, die die Yale University 2006 herausgegeben hat. Es geht ums 'Krempeln' von Polsterwatte, Industriewatte, medizinische Watte und Filz. Die Hesse umgibt in Kettwig die Aura der Industrieproduktion des Ruhrgebiets. 1965 wird sie, mit Hilfe von Tom Doyle, in der aufgelassenen Tuchfabrik  die ersten Gegenstände für ihre Kunst, für ihre Materialbilder finden.  Ihre Kunst wird jetzt im wörtlichen Sinne  'gegenständlich'. Sie nimmt den Faden, die Kordel, die Schnüre auf und produziert daraus etwas Neues. Aus der Malerin wird eine Skulpturenarbeiterin. Tom Doyle und Eva Hesse assistieren sich, bei allen persönlichen Problemen, auf dem Gelände der Scheidschen Fabrik gegenseitig. "Aber wir haben uns auch gegenseitig unterstützt. Sie hat mir geholfen, meine Skulpturen zu bemalen, und ich ihr beim Bau ihrer Rahmen" sagte Doyle. Er gehört zu den unkonventionellen Köpfen der nordamerikanischen Kunstszene; mit neu entwickelten Klebern (Epoxyklebern) schafft er 1962 in Woodstock Steinskulpturen. Hesse ist mit Doyle bereits zusammen. Die Malerin wird Zeugin seiner Experimente. Doyle wird zu einem von Hesses Impulsgeber auf dem Weg zu den  Experiments in Art und Technology,  wie es die Künstlerin 1967 in ihren handschriftlichen Notizen über die Arbeit mit Latex und anderen Kunststoffen schreibt. Der Impuls für die Skulpturen der Hesse, die ihr Hauptwerk sind, geht vom Ruhrgebiet aus, schreibt der Ausstellungsmacher in sein Notizheft. Nicht Hamburg oder Wiesbaden, Essen wäre der ideale Ort für die Präsentation ihrer Arbeiten in Deutschland, denkt er.

 

4. Von Serien und Assistenten

 

Ihre Besuch von Kettwig aus. "Est Berlin - Pergamon Museum - Babylonian, Assyrian, Greek", schreibt sie unter dem 29. 12. 1965 in ihren MaK-Kalender. Kreisformen. Wiederholungen. Das persische  Ischtar-Tor im Pergamon-Museum in Ostberlin sehen. Nachwirkungen des Deutschland-Aufenthalts der Künstlerin.  Wieder in den USA gestaltet sie 1965:  Ishtar, 20 Halbkugeln in Kordeln gefasst.

1965 ist der Ausstellungsmacher in einen Bürgerhaushalt geboren. Du musst Abitur machen, sagte der Vater. Er ist dann gegen den  Willen der Eltern Kunsthistoriker geworden.

Unentwegt sammelt und verarbeitet  Hesse  Eindrücke. Dabei reisen Doyle und Hesse, ganz unamerikanisch, überwiegend mit dem Zug. Der Kalender der Steinkohlen-Elektrizität, Aktiengesellschaft in Essen, den Hesse für die 1. Hälfte von 1965 benutzt, zählt die TEE- und Fernschnellzüge auf, die in jener Zeit verkehren. Dazu gehört auch der Italien-Holland-Express, den das Paar möglicherweise genommen hat, um von Kettwig nach Amsterdam zukommen. Jedenfalls notiert sich Hesse "night-train to Amsterdam" ins Tagebuch. In Amsterdam sehen sie Gemälde Vincent van Goghs.

"Wir verbringen unsere Tage mit der Arbeit, wir arbeiten immer. Am Abend sind wir todmüde und gehen erst ins Café und dann früh zu Bett. Das ist unser Leben... Unser Zwiegespräch ist mitunter von einem außerordentlichen elektrischen Fluidum belebt, mitunter stehen wir davon auf mit müdem Kopf und wie eine elektrische Batterie nach der Entladung", schrieb Vincent van Gogh aus Arles über die Arbeit mit Paul Gauguin  an seinen Bruder Theo. Vieleicht kannte die Hesse diese Briefe.

Zur Intensität der Arbeit mit Hesse äußerte sich auch Doug Johns, der  ihr Assistent in den späten 1960er Jahren war. Hesse lebte damals in der Bovery, einem Gewebe- und Künstlerviertel, in New York. Hier hatte sie, auch nach der Trennung von Doyle, noch immer ihr Loft. Johns charakterisierte die Gegend auch als ein Quartier von "Abgestürzten". Ein Ausstellungsprojekt müsste diese Atmosphäre sichtbar, vielleicht auch durch Tonaufnahmen, hörbar machen, schreibt der Ausstellungsmacher ins Notizbuch.

Bei Johns klingt es ähnlich wie bei van Gogh: "An einem typischen Tag sind wir morgens ziemlich früh aufgewacht und sind, ohne zu frühstücken, direkt ins Atelier gegangen. Nur das war es, was uns bewegt hat. Wir haben damals diese raumgreifenden Skulpturen geschaffen. Dabei haben wir nicht viel geredet, nur über das, was wir direkt vor uns hatten... Manchmal bin ich eine Woche am Stück dageblieben, das bedeutete, tagsüber arbeiten, abends ins Bett und morgens wieder aufstehen... Nach draußen sind wir nur gegangen, wenn wir gleich um die Ecke in die Elisabeth Street zu einer kleinen Bude gingen, die von einer Frau betrieben wurde, die dort sizilianische Pizza verkaufte." Das Ausstellungsprojekt müsste auch diese sinnliche Ebene erfassen: Für die Besucher gebackene Pizzen. Hesse / Johns arbeiten u.a. an der Skulptur  Right After, einem komplizierten Geflecht aus Schüren, die von der Decke hängen. Insbesondere für die Hängung war Johns zuständig. Nach der Aussage ihres Assistenten hat Hesse die gemeinsame Arbeit so beschrieben: "Wir sind auf die Leiter herumgeklettert und haben das Material aufgehängt - immer wieder anders. Vier Hände, die immer wieder alles verändern und neu arrangieren, damit was passieren kann, wieder und wieder, immer wieder anders, damit es wachsen, sich verbinden, sich multiplizieren kann." Johns beschreibt, wie Hesse auch in dieser Werkphase in den Secondhandshops nach "Krempel" suchte. Dabei bleibt Johns der Gehilfe, Hesse der Boss. Die Beziehung zwischen Hesse und Johns ist zwar auch privat, aber nie romantisch. Auch für Hesse gilt ein Satz, den Vincent van Gogh in seiner Zeit in Saint-Rémy (1889- 1890) schrieb: "Das Leben geht vorbei und die Zeit kehrt nicht wieder; aber ich spanne mich in die Arbeit, weil ich weiß, die Gelegenheit zu arbeiten kehrt nicht wieder." Diese empfindlichen Werke aus Fieberglas, Polyesterharz und Latex wurden von Hesse in wenigen Jahren, am Ende der 1960iger Jahre, produziert. Es sind, im Vergleich zur chemischen Industrie, winzige Serien, die Hesse mit ihren Assistenten fertigte. Die Serien der Künstler karikieren die Massenproduktion des Kapitalismus. Es sind Ausrufezeichen des Aufbegehrens: Schaut her, wir Künstler sind auch ein Teil dieser Welt. Hesse, die Brigitte Kölle zufolge, Texte von Beckett, Sartre und Camus schätze, spielte mit den Zeichen, mit der Leere. In den leeren Gefäßen der Künstlerin befindet sich ALLES und NICHTS.

 

5. Letzte Schichten

 

Es sei keine Kleinigkeit mit dreiunddreißig Jahren einen Hirntumor zu haben - mit dieser Äußerung begann Hesse ihr Interview mit Cindy Nemser im Januar 1970. Mit der Vergänglichkeit des eigenen Lebens konfrontiert, spricht sie über die Vergänglichkeit ihrer Werke: "Im Moment arbeite ich nicht, aber ich weiß, dass das Problem auf mich zu kommt, sobald ich wieder mit Fieberglas arbeite, denn soweit ich weiß, ist diese Substanz toxisch, und weil ich so krank gewesen bin, kann ich nichts mehr riskieren. Ich treffe keine Vorsichtsmaßnahmen. Ich weiß nicht wie ich das machen sollte. Ich kann mir keine Maske über den Kopf ziehen. Und auch das Latex hält nur für eine kurze Zeit." Hesse, die Handwerkerin, kennt die Morbidität ihrer Materialien.

Schichten, denkt der Ausstellungsmacher, in Schichten denken die Bergarbeiter. Er, der am Rande des Ruhrgebiets geboren wurde, hat diesen Begriff in seiner Kindheit oft gehört. Schicht riecht nach Arbeit und Butterbrot.

Schichten bedeutet für Hesse im Sommer 1969, das wiederholte Auftragen von Tuschefarben auf Papier. So entstehen die sogenannten Window  Drawings. Das Zeitfenster, das sie noch hat, ist klein: Ende Juli setzen die Kopfschmerzen wieder ein. Sie hat sich mit der Künstlerkollegin Gioia Timpanelli nach Woodstock in ein hölzernes Landhaus zurückgezogen. Es  ist ein Haus ohne Herrenzimmer. In Woodstock war Hesse, zusammen mit Doyle, schon 1962. Damals war sie frisch verliebt, im Sommer 1969 ist sie tödlich erkrankt. Für die Künstlerin schließt sich in der Abgeschiedenheit der idyllischen Künstlerkolonie in der Nähe von New York ein Kreis. Timpanelli und Hesse arbeiten wie Zen-Buddhisten: In der Stille. Timpanelli: „Wir haben richtig hart gearbeitet, ohne zu sprechen, ohne uns gegenseitig weiter zu beachten. Das heißt, wir waren wirklich autonom, jede für sich, und wir haben unsere Arbeit gemacht... Mittags haben wir eine Pause gemacht, ein bisschen Suppe und ein Sandwich gegessen ..." Einmal mehr blitzt in diesen Worten die Praxis der Künstlergemeinschaft auf. Hesse hat Farben und Pinsel dabei und übt, wie Jürgs betont, ihr "Handwerk" aus.

Der Ausstellungsmacher versenkt sich in eine Arbeit von ihr aus dem Jahr 1966: Es sind 12 unglaublich filigrane Kreisformen. Er denkt, die Präsentation ihrer Werke müsste in einem kreisrunden Industriegebäude stattfinden.

Hesse hatte diese Idee vom Kreis. Vom Gestaltungsprozess, der nicht enden will. Wenn sie eine Religion hatte, dann war es die Religion der Kunst. Ein Glaube, der auf  Versenkung im unablässigen Tun beruht. Ein Weg, der keine Dogmen zulässt, sondern sich forschend mit der Welt auseinandersetzt. Wissenschaft, Technik und Kunst stehen so in einem geschwisterlichen Verhältnis. Das hat das Leben und Werk der Hesse aufgezeigt, denkt der Ausstellungsmacher und sitzt rauchend überm Notizbuch.   

 

Dieser Text wurde 2014 zum Literaturwettbewerb "Schauplatz Museum" des LiteraturBüro Ruhr in Gladbeck eingereicht.

23.1.15 11:28

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