PARIS, NACH DEN SCHÜSSEN

 

"Auf jeder französischen Schulfassade steht dieselbe stolze Maxime "Liberté, Egalité, Fraternité" (Süddeutsche Zeitung unter dem Titel: 'Wie noch das ABC schützen vor solchen ABC-Schützen?' vom 4. März 2015). Jetzt, nach den Schüssen von Paris, möchte jedes Feuilleton maximale Aufklärungsarbeit leisten. Könnte es sein, dass die oben zitierten Begriffe Frankreich nur unzureichend erklären? Ich erinnere mich an meine Schulzeit zu Beginn der neunzehnhundertsiebziger Jahre: Ein Relief mit den Umrissen Frankreichs wurde aus Steropor erschaffen und die oben zitierten Begriffe, aus den Zeiten der französischen Revolution, mussten von westfälischen Schülermündern eingeübt werden. Ich möchte Ereignisse (den französischen Kolonialismus mit seiner Sklavenhaltung) und zwei Menschen, die mir wie Geistesblitze, erscheinen - Jean Genet und Simone Weil - mit den Ereignisse von 1789 in Verbindung bringen.

 

Gleichheit

Sklavenhaltung: Nichts widerspricht der gängigen Vorstellung von einem humanen und fortschrittlichen Frankreich mehr, als die Berichte über Sklaverei. Isabelle Aguet zitiert einen französischen Marineoffizier, der in sein Bordbuch schreibt: "Gestern um 8 Uhr banden wir die Neger, die die meiste Schuld trugen, an allen vier Gliedern bäuchlings auf Deck fest und ließen sie auspeitschen. Dann prügelten wir ihre Gesäße, um ihnen ihre Vergehen recht fühlbar zu machen. Nachdem ihre Hintern blutig geschlagen waren, streuten wir Schießpulver in ihre Wunden, träufelten eine Mischung aus Zitronensaft, Salzlake und gestoßenem Pfeffer hinein und kneteten ihre Hinterbacken tüchtig durch, damit kein Wundbrand entstünde, aber auch der Schmerz umso empfindlicher sei... Den Anführer haben wir in Eisen gelegt und mit Handschellen gefesselt. So mag er dann verschmachten und sterben" (Der Sklavenhandel, Bilder und Dokumente, 1971, Seite 71). An anderer Stelle schreibt die Autorin: "Wenn England in diesem wilden Wettlauf (dem Sklavenhandel, G. B.)  an der Spitze lag und in einem einzigen Jahr (1786) bis zu 38.000 Sklaven einführte, so lag Frankreich immer auf dem zweiten Platz und stellte gewissermaßen das Gleichgewicht wieder her, dass es dieses Rennen länger betrieb" (Seite 11). Über der französischen Kolonialzeit liegt der Mantels Schweigens. Isabel Aguet ist eine Schweizer Journalistin. Für die meisten deutsche Autoren  der Gegenwart sind die im Namen Frankreichs begangenen Verbrechen ein Tabu. 

 

Freiheit

Jugendstrafen: Der 1910 in Paris geborene Jean Genet ist ein von Jugend an Bestrafter. Seine Mutter starb als er 9 Jahre alt war. Der Zögling wird straffällig, kommt in das Besserungslager Mettray. George Bataille bezeichnet Mettray als "Hölle" (zitiert nach George Bataille, Die Literatur und das Böse, herausgegeben von Gert Bergfleth, 1987, Seite 171). Für deklassierte Jugendliche wie Genet ist die 'Grande Nation' die Hölle. Genet bestielt aus Hilflosigkeit seine Pflegeeltern. Er flüchtet sich in Militär, aber der Drill rettet ihn nicht. Der Heimatlose vagabundiert durch halb Europa und verdingt sich als Prostituierter. Dann schreibt er. Unter anderem Das Wunder der Rose . Der Ausgestoßene beschreibt die Gefängnisse und ihre Insassen: "Seines heiligen Ornats entkleidet, sehe ich das Gefängnis nackt, und seine Nacktheit ist grausam. Die Häftlinge sind nichts als arme Schlucker, die Zähne vom Skorbut zerfressen, von Krankheit gebeugt, spuckend, speiend, hustend. sie gehen in riesigen, schweren, klapprigen Holzschuhen vom Schlafsaal in die Werkstatt, sie schleppen sich in Tuchpantoffeln, die steif sind von Dreck, gemischt aus Staub und Schweiß. Sie stinken (Bergfleth).  Er, Genet, gehört zu den wenigen 'Fürsorgekindern' seiner Gemeinde, die "überhaupt einen Schulabschluss vorweisen können" (Wikipedia). Er, Genet, ist das öffentliche Kind, das zu einer Stimme Frankreichs wird. Er, Genet, war, wie der Verfasser dieses Textes, Obergefreiter eines Pionierregiments. Genet setzte sich für die Schwarzen ein und wandte sich gegen die "israelische Landnahme" (Wikipedia) in Palästina. Der Mann, der als Kind in Holzpantinen ging, und immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt kam, auch er verkörpert das freiheitliche Frankreich.

 

Brüderlichkeit  

Eine Frau als Bruder: Simone Weil. Sie wurde 1909 in Paris geboren. Sie war die Tochter eines Mediziners, Bernard Weil. Die Weils waren assimilierte Juden. Die Bahnen, in denen sich das Mädchen Simone bewegt, dürfen als geordnet bezeichnet werden. Aber die Weil wird eine Querdenkerin: "Sie empörte sich über Geld als Ursache für soziale Ungleichheit, über Kapital und die Gier nach mehr und mehr materiellen Gütern" (Frederik Hetmann, Drei Frauen zum Beispiel - Die Lebensgeschichte der Simone Weil, Isabel Burton und Karoline von Gründerrode, 1980,  S. 9). Die junge Frau kritisiert das französische Bildungswesen: "Bildung ist ein Werkzeug in der Hand von Professoren zur Erzeugung von Professoren, die ihrerseits Professoren erzeugen" (zitiert nach Hetmann S. 18).  Weil wendet sich den Arbeitern zu. Sie hat den Mut, ihren Verstand für die Rechte der Entrechteten zu gebrauchen.  Die Asketin geht in die Fabriken und berichtet, wie später Günther Wallraff, von der Bandarbeit. Hetmann zitiert aus ihrem Fabriktagebuch:

"Arbeit. Jetzt stehe ich an der Maschine. Fünfzig Stück abzählen... sie nacheinander auf die Maschine legen, auf die eine Seite,  nicht auf die andere... jedesmal einen Hebel bedienen... das Stück herausnehmen... ein anderes hineinlegen... noch ein anderes... wieder zählen... ich bin nicht schnell genug."

Weil schreibt wie im Rhythmus der Maschine. Der Takt geht in Text in Text ein. Keine Brüderlichkeit mehr. Der Mensch hetzt den Menschen. An Bänder ersterben die Ideale der französischen Revolution. Was bleibt, ist Hunger. 

"Hunger. Verdient man 3 Francs pro Stunde oder gar 4 Francs, dann genügen irgendein Unglück, eine Arbeitsunterbrechung, eine Verletzung, um eine Woche oder länger arbeiten zu müssen. Keine Unterernährung, sondern wirklich Hunger. Mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden ist Hunger ein wirklich qualvoller Zustand."

Heute wird der französische Arbeiter nicht mehr in Francs bezahlt. Er bekommt den Euro. Verortet im globalen Kapitalismus kämpft er um Arbeit, denn die "Bänder", von denen Weil spricht, sind nach Asien verlagert. In Vorstädten von Paris suchen die deklassierten nach Billignahrung in den Discountern - Freiheit sieht anders aus. Geblieben ist die Furcht:

"Furcht. Selten sind die Augenblicke im Laufe eines Tages, da das Herz nicht von Furcht geplagt ist. Am Morgen die Furcht vor dem ganzen Tag, den es zu überleben gilt. In der Metro unterwegs nach Billancourt gegen 6.30 Uhr früh steht auf den meisten Gesichtern die Spannung dieser Furcht."

Auch die  französische Klassengesellschaft produziert bei den Massen, die Angst nicht mithalten zu können. Man fühlt sich der Stechuhr ausgeliefert. Frankreich, so erklärt uns Simone Weil, ist nicht brüderlich. Weil, diese unglückliche Gottsucherin, sieht sich selbst in der Tradition Sklaverei. Mit ihren Aufzeichnungen wischt sie die Ideologie von der 'geglückten' Befreiung  fort. Ihr Unglück ist kein Einzelschicksal. Es ist das Unglück der Massen. Es ist, als habe es die französische Revolution nie gegeben. Weil zeigt, wie die Fabrikarbeit einen großen  Teil der Menschen unfrei macht. Über ihr Arbeiterinnendasein schreibt sie: "Was ich dort durchgemacht habe, hat mich... unauslöschlich gezeichnet... Dort ist mir für immer der Stempel der Sklaverei aufgeprägt worden, gleich jenem Schandmal, das die Römer den verachtetsten ihrer Sklaven mit glühendem Eisen in die Stirn brannten. Seither habe ich mich immer als einen Sklaven betrachtet" (zitiert nach Ingeborg Bachmann: Das Unglück und die Gottesliebe - Der Weg Simone Weils, in: Vor den Linien der Wirklichkeit, München 1978). Nach den Schüssen von Paris, tauchen die Sklaven und ihre Wiedergänger in den französischen Vorstädten, als Angstbilder der Bürger, wieder auf.

 

 

 

  

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

19.6.15 23:21

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