Gregor Bohnensack - Schlößer

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Mutmaßungen über Portugal - mit behinderten Menschen über die Fußball-WM in Brasilien schreiben

 

Die WM in Brasilien ist fast vorbei. Die Spiele sind heute, am Nachmittag des 12. Juli 2014, bis auf das Spiel um Platz  3 und das Finale ausgespielt. Der Schreibgruppenleiter hat sein Angebot abgeschlossen. Sie, die teilnehmenden Schreiber, haben die Spielpläne gelesen und bearbeitet.  

 

Brasilien - Kroatien: so hat es angefangen. Es ist 3: 1 ausgegangen. Aber es interessiert nur noch Statistiker. Brasilien ist nicht weitergekommen. Brasilien ist ausgeschieden. Menschen mit Behinderungen haben es verarbeitet. Sie schlagen ein ganz anderes Tempo an. Tabellen lesen. Zwei kommen weiter, zwei  müssen "nach Hause fahren". Nach Hause fahren ist etwas, daß erklärt werden muß. Über Punkte und Tore sprechen. Kroatien - Mexiko 3:1. Über die Länge eines Spiels sprechen. Das Grundlegende erklären. Dass ein Spiel neunzig Minuten hat. Halbzeiten zu fünfundvierzig Minuten. Spanien - Niederlande 1:5. Über Torverhältnisse nachdenken. Tore mit Hilfe der Finger abzählen. Verlangsamen. Der Schreibgruppenleiter muß sich verlangsamen. Jemand fragt, wann spielt Schalke wieder. Man muß die Unterschiede zwischen der Liga und den Nationalmannschaften immer wieder neu herausarbeiten. Es wieder und wieder an die Tafel schreiben. Zwischenergebnisse festhalten. Der Unterschied zwischen Viertelfinale und Halbfinale.

 

Der Mann fährt im elektrisch getriebenen Rolli vor. Sein Fahrzeug ist ein Ungetüm, das er mit vier Fingern der linken Hand steuert.  Er gehört zu den wenigen, die eine Viererkette erklären können. Er spielt mit vier Fingern. Er spricht vom System Löw. Taktik und Aufstellung aus dem Mund eines Menschen, der nie einen Ball gespielt hat, der das Leder nie mit dem Fuß berührt hat. Er betont die Qualitäten von Philipp Lahm. Er, der Rollstuhlfahrer - nennen wir ihn Franz - ist von Geburt an gelähmt. Aber er kann eine Tabelle lesen. Es ist nicht selbstverständlich, eine Tabelle lesen zu können. Franz bearbeitet mit der Restmuskelkraft seiner vier Finger die Tastatur des Computers.

 

Gruppe G:  Deutschland - Portugal 4:0. Glanz in seinen Augen. Der vierte Stern, er kann kommen. Er kennt die Jahreszahlen der bisherigen Titel. Die Geschichte der Triumpfe. Sein Mund kann Dir die Siege erklären. Er kann Dir Bayern erklären. Er kann Dir mit vier Fingern und einem guten Mundwerk Bayern wie ein Müller erklären. Er möchte gern in München leben. Am liebsten "direkt an der Säbenerstraße."

 

Deutschland - Ghana 2:2 Wir arbeiten am PC an Tabellen. Eine Tabelle über Word 2007 einfügen. Die einzelnen Schritte zeigen und einüben. Menschen, die nicht so schnell lernen, Technik zutrauen: "Fallen darfst'de, aufstehen musste" (Rainer Calmud). Wie erklärst du die Sprüche eines Fußballers jemandem, der nie stehen konnte. Machmal Schweigen. Ratlosigkeit. Einfach schweigen und erstaunen darüber, wie das Textfragment doch auf den Bildschirm kommt.

 

USA - Deutschland 0:1. Über den Fußball ins Sprechen kommen über Klinsmann und seine Zeit als Stürmer. Vom Fußball über die Liebe zu Sprechen kommen. Wie der Mann in die neue Pflegeeinrichtung gezogen ist und seine Freundin zurückgelasen hat. Von den Zwängen reden, denen ein von Geburt an Schwestbehinderter ausgeliefert ist. Mit Menschen über Fußball schreiben, die nicht laufen können. Für Menschen, die niemandem auf die Füße treten können, eine Schreibschule für Fußball einrichten. Thomas Müller am Weber-Grill. Mit Müller den Weg ins Finale finden - auch, wenn man nicht am Grill stehen kann. Sein Goldener Schuh bei der WM. Mit einem Menschen, der seinen Fuß keinen Millimeter bewegen kann, über einen Torschützenkönig sprechen. In der SPORT BILD die Welt des Fußballs aufzeigen. Die spielstarken Mannschaften aus Europa: Spanien, Holland, Italien und Deutschland; Belgien als Geheimtipp.

 

Wie ist Portugal einzuschätzen? Mutmaßungen über Portugal. Der wortsuchende Schreibgruppenleiter fachsimpelt mit Spastikern über die Fitniss eines Superstars namens Ronaldo. Die Sprache des Fußballs ist die Sprache der Superlative. Die Sprache des Fußballs ist kein mühsames Wortfinden, sondern ein Wie-im-Fieber-reden. Die Sprache des Fußballs ist der Schrei des Kommentors nach dem Tooooor. Die Sprache als Wortstoß, als Ekstase der Heldenverehrung.

 

Muskel. Mit den lahmen Muskeln der Hand einen Buchstaben finden. Den Buchstaben ansteuern. Koordination von Hand und Auge. Am Tablett oder an der PC-Tastatur. Am Schreiben bleiben. Wir sind noch im Werden, sagte einst der Philosoph Ernst Bloch. Wir haben noch nichts erreicht, sagt der Bundestrainer vor der Weltmeisterschaft 2014. Wir können uns für den Sieg noch nichts kaufen - sagen die Spieler ins Mikrophon. Geld regiert ihre Welt. Wir wollen uns belohnen und unsterblich werden. Die belanglosen Worte von Müller und Kroos hören und gelassen bleiben.

 

Die Frau, die unter Zuckungen, Buchstaben tippt, stammelt die Worte. Kein Reporter bespricht ihre Unsterblichkeit. Mit den Zuckungen weiterschreiben. Das Zittern als eingeübten Automatismus verstehen. Es ist für die behinderte Frau eine Standardsituation. Den Speichel mit den Muskeln des Mundes nicht halten können. Es auf die Berührfläche des Tabletts tropfen lassen. Der Spielfluss, der Speichelfluss. Den Ball mit der Brust stoppen und mit dem Fuß weiterverarbeiten. Schreiben! Das Spiel mit der Hand weiterführen. Nicht aufgeben. 'Wir werden Weltmeister', schreibt jemand. Seine Vorhersage wird eintreffen.

23.11.14 14:39

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